Zeitbegriffe im NT

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Etwas zum Begreifen.

Die drei wichtigsten Zeitbegriffe sind Äon, Chronos und Kairos. Äon wird meist mit Ewigkeit oder Zeitalter übersetzt, Chronos mit Zeit und Kairos auch mit Zeit, Zeitpunkt, Fristen oder "gelegene Zeit".

Diese drei Hauptbegriffe, zusammen mit einigen anderen Begriffen, werden in vielen Übersetzungen nicht genau genug behandelt oder nur oberflächlich übersetzt. Damit gehen einige wichtige Aussagen verloren oder werden verzerrt. Das kann auf das Gottesbild und auf den Glauben tiefgreifende Auswirkungen haben.
Fangen wir an mit dem Äon.

ÄON?

Ein seltsamer Ausdruck für viele Ohren. Der ÄON kommt sehr oft vor, in vielen sprachlichen Feinheiten, die aber meist in den NT Übersetzungen nicht berücksichtigt werden. Auf diese Feinheiten gehe ich später genauer ein. Ein Äon ist in der Regel eine lange andauernde Zeit, ein Weltzeit, ein Zeitalter, eine zielbezogene Zeit.

Der ÄON trägt den Aspekt "Ewigkeit" in sich, ohne die Ewigkeit zu sein.

Das erkennt man leicht an den Pluralbildungen im NT, die dann "Ewigkeiten" heissen müssten, aber bevorzugt mit "von Ewigkeit zu Ewigkeit" übersetzt werden (z.B. bei Luther,Offenbarung 14,11). Und mehrere Ewigkeiten sind keine "Ewigkeit" mehr, so wie wir es auf deutsch verstehen, sondern eher eine Reihe von langen Zeitabschnitten (Zeitaltern?) die dann zur "Ewigkeit" würden.

Im klassischen Griechisch steht Äon auch für eine kürzere Zeit, für eine Dauer von mehreren Jahren, die eine Art "Abgeschlossenheit an Zeit" beinhaltet. Die Begriffserweiterung geht dort bis zu "Lebenskraft, Lebensdauer". Der ÄON steht über einer anderen Zeit, dem CHRONOS.

Den CHRONOS, den kennen wir.

Den kennen wir alle. Den Chronometer. Sei es am Handgelenk, sei es in der Zielgerade der Sportereignisse.
Der ÄON, lasen wir soeben, ist dem CHRONOS übergeordnet. Was bedeutet dies?

Mein NT-Griechisch Dozent E.Kägi drückte es wie folgt aus: Der Äon enthält die Relativität exakter Zeitangaben.
Oder: "alles ist eins, alles ist jetzt".
Der Äon hat letzten Endes nur für Unvergängliches eine fassbare Bedeutung, alles Vergängliche fällt unter Chronos (und Kairos, davon später in diesem Artikel).

Alles Vergängliche ist messbar.

Unsere Zeit zeichnet sich besonders durch das Messen aus. Alles wird statistisch erfasst, es ist wie eine Sucht, wirklich alles zu erfassen. Die Erklärung: man will alles "optimieren" und besser "einordnen". Man will sparen, man will messbare Erfolge von messbaren Misserfolgen trennen. Gut so. Jedoch,geistig gesehen, schwer. Ein messbarer Misserfolg im CHRONOS mag sich eines Tages als ein Erfolg im unmessbaren ÄON erweisen. Zum Beispiel kann eine Firma, ein Verein, eine Gemeinde auch deshalb "eingehen", weil ihre Zeit erfüllt war, weil sie ihre zeitliche Aufgabe erfüllt hat.

Nach aussen sieht das Altwerden, das Erfüllen - besonders statistisch - aber ziemlich "alt" aus. Im Verständnis des übergeordneten Äons, des zusammengefassten Zeitalters, sieht vielleicht mache Erfolgsstatistik alt aus, weil sie das Wesentliche, das inhaltlich Wertvolle, gar nicht erfasste.
"Jedes Ding hat seine Zeit,Gottes Lieb' in Ewigkeit"
sagte meine geistliche Grossmutter immer wieder, bis sie mit 102 Jahren starb. Diese zeitlose "äonische" Lieb' geniesst sie jetzt, äonisch lang!
Nun kommen wir zum dritten Hauptbegriff der Zeit im NT: dem

KAIROS.

Falls Sie dieses Wort nicht kennen und es Ihnen dennoch bekannt vorkommt - dann ist es die Ähnlichkeit mit Karies, der Zahnfäule, nicht wahr? Haben wir längere Zeit viel genascht und danach wenig Zähne geputzt, dann kommt die "gute Zeit", die "richtige Zeit", die "gelegene Zeit" für den Zahnarzt.

Das ist der KAIROS. Der KAIROS bricht in den CHRONOS ein. Er schafft die "besonderen Momente". Zum Guten oder zum Schlechten. Mal verliebt man sich: KAIROS! Mal gewinnt man etwas: KAIROS! Mal verunfallt man: KAIROS! Der Unfall kann einige Wochen Spitalaufenthalt nach sich ziehen und unser Leben verändern: immer noch KAIROS. Aber die vielleicht eingegangene lange Ehe nach dem Verliebtsein wird zum CHRONOS.
Der Kairos enthält den Aspekt des kürzeren oder längeren "einbrechenden" Momentes, aber auch des Planvollen, des Sinngebenden.

Der Kairos bildet die Verbindung zwischen Äon und Chronos.

Vom übergeordneten Äon herkommend bricht er in den Chronos ein und "markiert" ihn punktuell.

Die glorreichen Drei.

Wir sagten obenstehend, dass der CHRONOS die exakte, messbare Zeit ist, dem ÄON untergeordnet.
Der Chronos ist nur durch unsere eigene Endlichkeit sinnvoll und erfahrbar. "Zeitlich" sein kann nur wer endlich ist. Nur in der materiellen Welt gibt es Chronos und Kausalität. Der KAIROS lässt uns dies besser erkennen, weil er Farbe und Wert in den Chronos einfügt.
Der Chronos kann übrigens auch als "Jahr" stehen wie in Apostelgeschichte 13,18: "Und 40 Jahre (CHRONOS) lang duldete er..." Sonst wird "Jahr" meistens ENIAUTOS genannt, siehe Gal.4,10: "Ihr haltet Tage und Monate und Feste und Jahre (ENIAUTOS)".

Der ÄON ist der Geheimnisvollste der glorreichen Drei.
Wer den Begriff ÄON in den Griff bekommen möchte, muss im NT einige Fleissarbeit in Angriff nehmen. Die folgenden 21 Beispiele habe ich aus dem "Konkordanten Neuen Testament" genommen, eine der genauesten deutschen Bibelübersetzungen. Bei jedem Zitat gebe ich nur das erste Vorkommen im NT an. Die Beispiele sind auch zeitlich geordnet, von "vor den Äonen" bis zu "die Abschlüsse der Äonen".

Schlagen Sie am besten in Ihrer eigenen Bibel diese Stellen, zum Vergleich, Sie werden staunen...

1) Vor den Ä. - 1.Korinther 2,7
2) Die Ä. - Epheser 3,11
3) Von den Ä. an - Epheser 3,9
4) Der gegenwärtige Ä. - Galater 1,4
5) Der nunmehrige Ä. - 1.Timotheus 6,17
6) Dieser Ä. - Matthäus 12,32
7) Für den Ä. - Matthäus 21,19
8) Vom Ä. an (eigentlich "aus dem Ä. heraus") - Lukas 1,70
9) Der Abschluss des Ä. (eigentlich "Mitvollendung" des Ä.) - Matthäus 13,39
10) Vor dem gesamten Ä. - Judas 25
11) Der kommende Ä. - Markus 10,30
12) Die herankommenden Ä. - Epheser 2,7
13) Jener Ä. - Lukas 20,35
14) Für den Tag des Ä. - 2.Petrus 3,18
15) Der zukünftige Ä. - Matthäus 12,32
16) Für den Ä. des Ä. - Hebräer 1,8
17) Der Ä. der Ä. - Epheser 3,21
18) Für die Ä. - Lukas 1,33
19) Für die Ä. der Ä. - Römer 16,27
20) Der Abschluss der Ä. - Hebräer 9,26
21) Die Abschlüsse der Ä. - 1.Korinther 10,11

ÄON hat auch ein ÄONISCH.

Das Adjektiv ÄONISCH heisst "den ÄON, die ÄONEN betreffend". ÄONISCH finden wir zum Beispiel im bekannten Text Johannes 3,16: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzig-gezeugten Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige (ÄONISCHE) Leben haben".

ÄON ist auch verwandt.

Die Verwandtschaft zeigt sich mit AEI, welches "stets, immer" heisst, besonders im Sinne von "ununterbrochen fortdauernd, während es dauert". Siehe 2. Korinther 6,10, 2.Petrus 2,12 und andere Stellen.

Nicht alle Verwandtschaften sind klar.

Das Wort AIDIOS (oder AEIDIOS) in Judas 6 und Römer 1,20 übersetzen einige mit "ewig", andere mit "unsichtbar", weil sie AIDIOS nicht von ÄON ableiten, sondern von HADES, der Unterwelt (alt Luther "Hölle"). HADES heisst "das Unsichtbare, das Ungewahrte".

Wie auch immer - der Begriff ÄON mit allem Drumherum ist Gottes wunderbare Zeiteinheit!

Andere Zeitbegriffe im NT.

DIÄNEKÄS
Es wird übersetzt in:
Hebräer 7,3...und bleibt Priester in Ewigkeit...
Hebräer 10,1...opfern IMMER...
Genauer: "durch-anhaltende Zeit". Dies Wort ist mit PHERO, tragen,halten,bringen verwandt. Unser Wort "führen" kommt von diesem PHERO.

ADIALEIPTOS
Römer 9,2 und 2.Timotheus 1,3
ADIALEIPTOOS
Römer 1,9 / 1.Thessalonicher 1,2 / 2,13 / 5,17
...OHNE UNTERLASS...
Genauer: A-DIA-LEIPTOS = "nicht-hindurch-übriglassen".

APERANTOS
1.Timotheus 1,4
Es wird übersetzt mit "kein Ende haben" (Mythen und Geschlechtsregister)
Genauer: A-PERAINO = "nicht-an-die-Grenze-führen", auch im Sinne von "jenseits der Grenze" (PERAS=Grenze). Es wird ähnlich von der Zeit gebraucht, wie "ohne Ende,unendlich".

Schulzeit sollte Freizeit sein.

Wenn das unsere Schüler heute mehr beherzigen könnten - es wäre ein Schulfest ohne Ende!
Unsere "Schule" kommt von dem Wort S-CHOLÄ in
Apostelgeschichte 19,9. Dort lehrte Paulus in der Schule des Tyrannus.
In einer antiken Schule war man "frei von Arbeit" des täglichen Lebens, des Broterwerbs. Dort hatte man "Musse" zu den Wissenschaften, der Philosophie und der Kunst.
Freie Zeit, kostbare Zeit der Schulung zum inneren Leben!

Der Zeit-Einstich.

Lukas 4,5: "Der Teufel...zeigte ihm alle Reiche der ganzen Welt IN EINEM AUGENBLICK.."Auf griechisch EN STIGMÄ CHRONOU.
Genau übersetzt: IN (MIT) EINEM EINSTICH DER ZEIT!
So gesehen, passierte dieser "Augenblick" während der Versuchungsgeschichte von Jesus fast wie eine Überrumpelung, ein Angriff, ein plötzlich kommender Stich. Nicht nur der - kurze - Augenblick der Zeit wird hier betont, sondern der schnell kommende Einblick in die Reiche der Welt. Genauer: in ihre Macht und Herrlichkeit, wie es der folgende Vers aussagt.

Ein Stich wie mit einer Drogennadel?

Ein Flash wie bei einem "Schuss" mit Heroin, um es modern auszudrücken? Ja, so ungefähr sehe ich das...

Schneller, besser, günstiger!

Ist nicht eines unserer heutigen Zeitprobleme die sich immer schneller drehende Spirale der Eindrücke, auf die wir immer schneller reagieren sollen oder gar müssen? Viele Menschen haben keine "Musse" mehr, Entscheidungen bedächtig zu treffen. Nachrichten überfluten uns und geben keinen Raum mehr zur "Verarbeitung". Ebenso jagen uns Konsumangebote: Zugreifen, sonst ist es weg!

Gewinn mit Erlebnis gepaart.

Die Seele des Menschen neigt stets zur Habgier, wenn sie nicht in Gottes Werten ruhen kann. Und dies besonders,wenn sich Gewinn mit einem Erlebnis paart. Der Sündenfall des Menschen zeigte es - und dies bereits im Paradies! Die verbotene Frucht war schön zum Ansehen, gut zum Essen und sollte klug machen - wie sollte da der natürliche Mensch widerstehen?
So sollte Jesus auch überwältigt werden durch diese Verführung mit einem Einstich an Zeit. Zum Glück gelang es nicht.

Der letzte Augenblick der Gläubigen.

Im 1.Korinther 15,51 und 52 steht ein doppelter Zeitbegriff in den meisten Übersetzungen:" Siehe ich sage euch ein Geheimnis: wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden. Und dasselbe PLÖTZLICH, IN EINEM AUGENBLICK..." oder "PLÖTZLICH,IN EINEM NU...".
Im griechischen Text steht dafür EN ATOMO, EN RHIPÄ OPHTALMOU. Ich verstehe nicht, warum hier zwei Zeitbegriffe stehen sollen. Einer würde mir reichen, um das plötzliche Geschehen der Verwandlung zu beschreiben. Darum übersetze ich RHIPÄ OPHTALMOU mit "in einem Augenwurf" oder "Augenblick" und EN ATOMO mit "im Atom". (Genau heisst es "im Unzerteilbaren). Es gibt insofern mehr Sinn, dass dann die Verwandlung der Gläubigen zeitlich UND körperlich dargestellt wird. Denn die Verwandlung unserer irdisch-schweren Körper muss ja VOR der Entrückung (siehe 1. Thessalonicher 4,17) in die Luft stattfinden. Schon allein aus physikalischen Gründen. Die "himmlischen Körper", von denen wir ab 1.Korinther 15,40 an lesen, lösen die irdischen Körper ab. Wir werden bis in die atomare Struktur unserer Körper verwandelt.
Dieses 15.Kapitel des 1.Briefes an die Korinther beschreibt so viele wunderbare Aspekte der kommenden Zeit, ein Schmuckstück im Neuen Testament!
Ich freue mich auf sie. Gedanken an sie geben mir oft die nötige Kraft, im Hier und Jetzt zu bestehen.