Der Weg der Mitte - Eine Bibelbetrachtung und -korrektur

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Wer kennt es nicht, dieses Bild vom breiten und vom schmalen Weg? Es hing über hundert Jahre lang in vielen Gemeinden und wurde unzählige Male auf Plakaten und in Broschüren reproduziert. Es prägte sich frommen Menschen tief ein. So auch mir.

Viele abgebildete Szenen, mit Bibelversen angereichert, laden zur genauen Betrachtung ein. Und hoffentlich auch zum Entscheid, den schmalen Weg im eigenen Leben zu wählen, wie Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 7,13-14) auffordert: "Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zum Verderben führt; und viele sind's, die darauf wandeln. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind's, die ihn finden."

Ich wählte vor 32 Jahren die enge Pforte und wandle seit diesem Entscheid auf dem schmalen Weg der Nachfolge Jesu Christi. Doch mit diesem Bild bekam ich bald nach der Weg-Wahl Schwierigkeiten. - Sehen Sie das Brücklein im Bilde? Ungefähr dort war ich nach wenigen Jahren Christsein tapfer angekommen, als ich wieder ein Spielcasino besuchte - einer der Orte, die ich früher als Nichtchrist frequentiert hatte. Die "Spielhölle" finden Sie auch im Bilde. Sehen Sie genau hin, sie ist etwa auf gleicher Höhe mit dem Brücklein. Aber auf dem breiten Weg!

Das Bild fing an, mich zu verwirren. Wie um alles in der Welt komme ich auf dem schmalen Weg an einer Spielhölle vorbei? Die ist doch auf dem breiten Weg. Schlimmer noch: War ich nun wieder auf dem breiten Weg, weil ich wieder im Casino um Geld spielte? Ich erschrak: Breiter Weg. Das Ende in den Flammen. Nein danke! Ich bereute mein Kommen und verliess fluchtartig das Casino. Ich rannte den breiten Weg bis zum weiten Tor wieder zurück und zwängte mich erneut durch die enge Pforte auf den schmalen Weg. Die Reise begann von neuem. - Wie oft mag mir ähnliches Zurück-in-Sünde in meinen 32 Jahren als Christ passiert sein? Musste ich mir jedes Mal die oben stehenden Fragen stellen, musste ich jedes Mal zurück, um den schmalen Weg neu zu beginnen? Nein. Dann stimmt aber etwas nicht mit diesem Bild.

So ist es. Die Botschaft Jesu stimmt. Aber bildlich müsste sie anders dargestellt werden. Mehr realitätsbezogen. Denn mitten im Leben – mit allen Siegen und Niederlagen – sieht's anders aus. Der schmale Weg zweigt nicht ab, sondern er geht mit dem breiten Weg, er führt mitten hindurch.

Stellen Sie sich dies nun auf dem Bilde vor: Der schmale Weg inmitten des breiten. Dort wandelt der Christ. Dort kommt er auch am Casino vorbei. Mehr noch, der schmale Weg kann durchs Casino führen! (Nämlich dann, wenn zum Beispiel ein Christ mit evangelistischem Auftrag in ein Casino geht). Der Christ lebt inmitten einer sündigen Gesellschaft. Aber er lebt nicht wie sie. Jede Gesellschaft ist eine Schicksalsgemeinschaft. Christen und Nichtchristen gehen in die gleiche Richtung. Aber der Christ geht auf dem schmalen Weg.

Zurück zu meinem oben erwähnten Casinobesuch. Im Bilde liegt das Casino auf dem breiten Weg. Wenn wir uns den schmalen Weg nun inmitten des breiten Weges vorstellen, komme ich daran vorbei. Wenn ich der Versuchung erliege und spielen gehe, verlasse ich den schmalen Weg und bewege mich auf dem breiten Weg. Bald realisiere ich mein Fehlverhalten. Ich bereue, und bin mit einem Schritt augenblicklich wieder auf dem schmalen Weg. Der schmale Weg ist mir so nah, wie Jesus mir in seiner Vergebung nahe ist. Mein Leben geht weiter, auf dem schmalen Weg. Bis zum nächsten Fall auf den breiten Weg. Aber auch bis zum nächsten Umsinnen. Dies Wort wird im Neuen Testament „metanoia" genannt und meist mit Busse oder Umkehr übersetzt. Umkehr wohin? Jeweils auf den schmalen Weg natürlich. Dort geht mein Weg mit Jesus munter weiter. Sagt der Herr nicht im Johannes-Evangelium 14,6: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"?

Im Bilde endet der breite Weg in den Flammen. Bin ich aber mit Jesus dort angekommen, wird er mich durch die Flammen hindurch retten, - der breite Weg endet, der schmale geht weiter in die himmlische Herrlichkeit. So zeigt es auch unser Bild oben rechts. Mit der Korrektur des Bildes sollte die himmlische Stadt dann allerdings oben links, über und hinter den Flammen stehen. Der schmale Weg ist der Weg der Mitte in der Verbundenheit mit Jesus. Im Philipperbrief 2,15 lesen wir: "...seid unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts."