Zweifeln im NT

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Zweifeln. Anzweifeln. Bezweifeln. Zweifelhaft?
Zweifeln im Neuen Testament.

Das erste Zweifeln.

Das erste Vorkommen des Wortes zweifeln im N.T. heisst "distazo". Es steht in Matthäus 14,31 und 28,17. Dieser griechische Ausdruck im Urtext unterteilt sich in "dis" = zweimal und "stazo" = träufeln, einträufeln, einflössen (transitiv). Tröpfeln, triefen, rinnen. Auch von trockenen Dingen: abfallen bei reifem Obst, bei Häusern baufällig sein (intransitiv). Die lateinische Entsprechung heisst "stagnum" - siehe unsere Fremdworte "stagnieren" und Stalaktit (-mit). Die Vorsilbe "di" könnte auch von "dia" herkommen = durch,hindurch / wegen. Vermutlich gehört "distazo" zu der "histemi" - Wortfamilie (=stellen).

Ist es eine besondere Art des Zweifelns?

Wieso wird dieser Ausdruck nur mit dem Jünger Petrus und den Jüngern auf dem Berg in Galiläa vor Jesu Himmelfahrt verwendet? Ist es eine besondere Art von zweifeln, die sich auf die Person Jesu oder seine direkt ausgesprochenen Worte bezieht?
Matth.14,28:
Petrus wusste, dass er nur auf ein Wort von Jesus hin auf dem Wasser laufen könnte - zumal der Herr ja selbst darauf läuft, als er ihn ruft. Petrus' Idee wird erst durch die Umstände spontan geboren.
14,29-30: Jesus ruft, Petrus geht. Er beginnt erst zu sinken, als er sich von dem starken Wind ablenken und Angst in sich aufsteigen lässt.
14,31: Jesus nennt ihn "oligopistos", was "wenig-gläubig" heisst (mit "kleingläubig" sonst übersetzt). Warum, fragt Jesus ihn, zweifeltest du? Das "warum" = "eis ti" - "warum, mit Bezug auf etwas oder jemanden"...also mit Bezug auf IHN zweifelte Petrus, nicht in Bezug auf das umgangene Naturgesetz (= auf dem Wasser laufen). Er sah nicht mehr auf Jesus den Rufenden, sondern auf den brausenden, "rufenden" Wind.
Matth.28,16-17: Als die Jünger dem aus dem Nichts auftauchenden Jesus gegenüberstehen, beteten ihn einige an, einige jedoch "edistasan" - zweifelten. An was zweifelten sie? Wahrscheinlich in Bezug auf IHN, ob er es wohl wirklich sei. An seinen Worten kann es nicht gelegen sein, hatte er doch noch gar nichts gesagt. In diesem Zusammenhang:

Was ist also dieses erste Zweifeln?

Der Mensch steht plötzlich nicht fest in Bezug auf Jesus,seinen von ihm erkannten und bekannten Erlöser.

Wie äussert sich das? Am Beispiel der Wortbedeutung "träufeln" und am Beispiel von Petrus auf dem Wasser kann man folgendes sehen:

Petrus macht einen enormen Glaubensschritt. Dann "träufeln" andere, der menschlichen Natur entsprechende Gedanken in seiner Seele nieder. Der darin fliessende Glaube wird durch träufelnde andere Gedanken ersetzt. Bei Petrus kam die Angst. Sie hinderte den Glaubensfluss und baute eine Verhärtung in der Seele auf - eine Art "Stalaktit".

Es ist ähnlich dem Vorgang der Herzensverhärtung, die allgemein mit "erstarrt" oder "verhärtet" übersetzt wird. Siehe Markus 8,17:
Im Beispiel der Erinnerung an die Speisung der fünftausend fragt Jesus die Jünger, ob ihr Herz (noch) verstockt/verhärtet sei. Er benutzt das Wort "poro-o", was von "poros" = die Schwiele herkommt. Also weiche Haut, die hart wurde. Unser Wort porös kommt sprachlich daher. Weiteres Beispiel: Erhärtete Lava ergibt poröses Gestein. Weich - hart. Einmal fliessend, dann träufelnd, dann erstarrt.
Wenn das Träufeln lange währt, wird es - wie in einer Tropfsteinhöhle - zum Stalaktit/Stalakmit.

Keine einträufelnden Gedanken gegen Jesu Macht zulassen.

Diese Sprachbilder mögen helfen, eine Art des Zweifelns zu erklären. Wenn wir ein festes Bild von Jesus Christus haben, wenn wir Glaubensschritte aufgrund dieser Überzeugung machen, dann sollten wir einträufelnden Gedanken wie Furcht, Ablehnung, Schwachwerden und sonstigen Ablenkungen etc. widerstehen.
Und fest die Glaubensaugen auf die Person Jesus gerichtet lassen - den Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebräer 12,2). Das hilft gegen den "distazo" - Zweifel!

Das zweite Zweifeln.

Das Wort "diakrino" wird im Jakobusbrief 1,6-8 und 2,4 in zweierlei Weise gebraucht. Dies zeigt die Vielschichtigkeit des Ausdrucks. Im 1,6-8: "...er bitte aber im Glauben und zweifle nicht, denn der Zweifelnde gleicht einer Meereswoge, windgetrieben und hin -und hergeworfen. Ein solcher Mensch meine nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde, er ist ein unbeständiger Mann (eigentlich: zweigeteilt in der Seele) in allen seinen Wegen."
Im 2,4 wird "diakrino" anders übersetzt: "... würdet ihr da nicht bei euch selbst unterscheiden (unterschiedlich urteilen) und zu Richtern mit bösen Überlegungen werden?"
In dieser zweiten Anwendung kommt Jakobus der Grundbedeutung von "diakrino" näher. Es heisst "hindurch-richten, unterscheiden, von einander absondern, einen Unterschied machen, siehe in Apostelgeschichte 15,9. Dort soll Petrus wie Gott keinen Unterschied machen zwischen Juden und Nationen. In Apostelgeschichte 11,12 könnte man auch mit "unterscheiden" übersetzen, doch nehmen Luther und Elberfelder unrevidiert das Wort "zweifeln". Es ist sinngemäss besser zu verstehen.
Hier noch einige weitere diakrino Vorkommnisse:
Matthäus 16,3 und 1.Korinther 14,29: beurteilen
1.Kor.11,31: (sich) prüfen
1.Kor.6,5: richten, rechten
1.Kor.4,7: vorziehen, unterschiedlich beurteilen
Judasbrief 9: streiten
Judasbrief 22: zweifeln, im Sinne von "streiten" wie Vers 9 (Elberfelder unrev.) oder gar "abfallen"?
Römerbrief 4,20 und 14,23: zweifeln durch Unglauben.
Mit den letzten Stellen aus dem Römerbrief schliesst sich der Kreis zu Jakobus 1, 6-8. Denn dort wird diese Art von Zweifeln mit einem Naturbild gut erklärt.

Der Zweifel im Bild der Meereswogen.

Zweifel, der aus einer Denkart herkommt, die wie die Wogen des Meeres hin und her, auf und ab geworfen werden, kann in Bezug auf Glauben nichts bewirken.
Wie sieht das praktisch aus? Wieder von der Wortgrundbedeutung ausgehend (dia-krino = hindurch-unterscheiden) ist ein Denken mit einer Woge verglichen ein Denken, das sich hin und herwirft. Es kommt nicht zur Ruhe. Es kann keine Entscheidung treffen. Es kann dann auch nicht die Entscheidung zu glauben treffen! Das Denken hat zwar gründlich durchgedacht (was sonst sehr positiv zu werten wäre), wurde aber vor der Glaubensentscheidung wieder auf die Anfangsposition zurückgeworfen.
So kann man natürlich nichts erreichen, sagt uns Jakobus. Besonders nicht bei Gott, der unseren Glauben sucht.

Diese Art von Zweifeln richtet sich auf alle möglichen alltäglichen Umstände, in denen es Weisheit zu einer Entscheidung braucht: "Wenn aber jemand von euch Weisheit fehlt, so erbitte er sie von Gott, der allen grossmütig gibt und keine Vorwürfe macht, und es wird ihm gegeben werden." (Jakobus 1,5)

Das dritte Zweifeln.

Es ist im eigentlichen Sinne kein zweifeln wie die ersten beiden Beispiele. Ich nenne es nun dennoch ein zweifeln, weil es einen Zustand angibt, der aus Ratlosigkeit und Verlegenheit kommt. Eines der alten griechischen Wörter, das in einer Nebenbedeutung auch für Zweifel gebraucht wird, heisst "he aporia". Im NT kommt es nur einmal vor, im Lukas 21,25. Dort wird es mit "Ratlosigkeit" übersetzt. Als Verb, aporeo, kommt es öfter vor. In der Form als Verb sieht man die Nähe zum Ausdruck "zweifeln".
Johannes 13,22: "Da blickten die Jünger einander an, zweifelnd, von wem er rede." (Elb.unrev.)
Andere übersetzen dort "in Verlegenheit darüber, von wem er rede". Es geht um Ratlosigkeit, Verlegenheit, im Zweifel sein.
Die anderen Vorkommnisse im NT sind Apostelgeschichte 25,20, 2.Korinther 4,8 und Galater 4,20. Sie zeigen den gleichen Sachverhalt auf:

Angst vor falschen Entscheidungen.

Im Text der Apostelgeschichte (25,20) beschreibt Festus vor dem König Agrippa seine Zweifel, seine Ratlosigkeit hinsichtlich dessen, was er mit diesem Paulus machen sollte.
Sein Amtsvorgänger Felix hatte 2 Jahre lang Paulus gefangen gehalten und intensive Gespräche mit ihm geführt. Felix beredte sich auch mit Paulus, bekam es aber mit der Angst zu tun, als er von ihm das Wort Gottes in Bezug auf das Gericht hörte (Apostelgeschichte 24,25). Festus war auch ängstlich bemüht, die Gunst der Juden zu gewinnen (25,9).
Angst vor Gericht oder Ansehensverlust ist ein schlechter Ratgeber in Entscheidungen.
Das Urteilsvermögen wird getrübt. Diese Art von Ratlosigkeit oder eben - von Zweifeln - pendelt hin und her, ähnlich wie im Bild von den Wogen. Der Ratlose steht zwischen Vorteile suchen und dennoch "angesehen" sein zu wollen.
Dieses Zweifeln richtet sich gegen einem selbst.

Das vierte Zweifeln.

Auch hier sehen wir kein direktes Zweifeln als Wort, sondern einen Zustand, der mit "zweifelhaften Überlegungen" zu tun hat. Ein anderer Ausdruck dafür wäre "Hinterfragen". Im Römer 14,1 übersetzt die Elberfelder unrevidiert: "Den Schwachen im Glauben aber nehmet auf, doch nicht zur Entscheidung zweifelhafter Fragen." An die Philipper (2,14) schreibt Paulus: "Tut alles ohne zweifelnde Überlegungen". Er rät es auch den Männern im Gebet: 1.Timotheus 2,8. Das griechische Wort für "zweifelhafte Fragen oder Überlegungen" heisst DIALOGISMOS. Unser "Dialog" kommt aus dieser Wortfamilie. Es ist die grosse Familie von LOGOS (Wort) und LEGO (sagen, sprechen) mit Dutzenden von Vorkommnissen im NT. Das erste Vorkommen steht in Matthäus 15,19 und wird mit "Gedanken" übersetzt, im Lukas 2,35 mit "Überlegungen". Im Wörterbuch steht noch "Nachdenken" und "Erwägen", aber auch "Zaudern, "Zögern" und "Zweifel".
1.Timotheus 2,8 wäre kaum mit "Überlegungen" zu übersetzen. Denn gerade im gemeinsamen Gebet soll man zuerst überlegen und sich einswerden, über was man beten will. Und nicht einfach drauflosplappern (Matthäus 6,7 und 18,19). Somit ist hier die Übersetzung mit "zweifelnder Überlegung" gut getroffen.
Die vierte Art des Zweifelns könnte sich also auf den zwischenmenschlichen Austausch ohne Hintergedanken beziehen. Den anderen nicht anzuzweifeln, weder im Gebet, noch in seinen Glaubensüberzeugungen, wie es Paulus in Römer 14,1 rät.

Zusammenfassung der Zweifels - Arten.

  1. Zweifel an der Person oder den Worten von Jesus.
  2. Zweifel in alltäglichen Umständen, aus Mangel an Weisheit.
  3. Zweifel in sich selbst, zwischen Vorteil und Nachteil.
  4. Zweifel an anderen Gläubigen oder gemeinsamen Anliegen.