Der kleine Gott

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Kann der Gott, den wir "grosser Gott" nennen, klein sein? Er kann. Es kommt auf die Perspektive an, aus der wir uns ihm nähern.In dieser biblischen Betrachtung wollen wir von Bethlehem her zur Herberge gehen, dann in den Stall zur Krippe, um dort einen kleinen Gott als Baby in Windeln zu finden. Was können wir auf diesem Weg lernen und viel mehr noch - was kann dieses Kind uns offenbaren – für unseren Glauben, für unsere Beziehung mit Gott und unseren Umgang mit Menschen?

Das kleine Bethlehem

"Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausendschaften von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll" (Prophet Micha, 5. Kapitel, ca.750 v. Chr.). Das Dorf Bethlehem war gemessen an den anderen Orten in Judäa zu unbedeutend, zu klein, um einen Ehrenplatz im Lande zu haben. Als sich aber die Weisen aus dem Morgenland dafür interessierten, wo denn der König der Juden geboren wäre, mussten die Bibelkenner am Könighofe von Herodes auf Bethlehem hinweisen - und werteten es im Zitat auf (vgl. Matthäus 2,6). Plötzlich war das kleine Bethlehem von grösstem Interesse! Gott hatte diesen Ort "von Urzeit her" als Geburtsort seines Sohnes ausgewählt (Micha 5,1). Dort wollte der grosse Gott als kleiner Mensch in unsere Menschenwelt kommen. Und er sagt uns damit: Für Gott kann heute Bethlehem überall sein – überall dort, wo Kinder geboren werden. Kein Ort ist, auch geistlich gesehen zu klein, um nicht Grosses hervorzubringen: weder unser kleines Zuhause, noch unsere kleine Gemeinde/Gemeinschaft, noch unser kleines Wirken, noch unser kleines Selbstbild und am wenigsten unsere Kleinen - die Kinder.

Die (zu) kleine Herberge

Das Dorf Bethlehem musste wegen einer Volkszählung (siehe Lukas 2,1) viele Ausgewanderte vorübergehend aufnehmen. Josef, dessen Stammbaum auf den König David - ein Bethlehemiter - zurückgeht, musste ebenso mit seiner hochschwangeren Frau Maria zur Einschreibung anreisen. Bei den Verwandten und in der vielleicht einzigen Herberge in Bethlehem fanden sie keinen «regulären Platz» mehr. Aber die Herberge nahm sie dennoch auf, obwohl sie zu klein für alle Obdachsuchenden war. Was sagt uns diese Herberge? Im Urtext heisst Herberge KATALYMA. Direkt übersetzt heisst dies «herab-gelöst», «losgelöst». In einer Herberge durften Tiere und auch Menschen ihre Lasten ablegen. Diese Herbergen gibt es heute noch – in unseren Herzen. Dort können wir Menschen aufnehmen, die schwere Lasten tragen und oft keinen anderen Platz mehr finden, um sich von ihnen zu lösen. Vielleicht nehmen wir auch «Marias» auf, deren Last «ein Kind» ist: ein geistliches Kind, das geboren werden muss oder - ganz real gesehen - eine Schwangere, die keine «Loslösung» ihrer Probleme sieht? Kein Herz ist zu klein, um Herberge zu sein!

Der kleine Stall

Ein Stall wird im Evangeliumstext nicht namentlich erwähnt. Jedoch, wo eine Krippe steht, gibt es auch einen Stall. Die Herberge war voll besetzt, also war es der Stall oder der stallähnliche Anbau auch. Aber ein freies Plätzchen fand sich noch zwischen den Tieren und ihren abgelegten Lasten. Hier kommt das Jesuskind zur Welt. Es ist sein Platz. Unzählige Kinder wurden und werden an ähnlichen Plätzen geboren - äusserlich in Armut und mit besorgten Eltern. Aber die Freude über ihre Geburt verändert manchen kleinen Stall zu einem grossen Palast.

Die kleine Krippe

Seltsamerweise nennt der Evangelist Lukas (2,12) die Krippe «ein Zeichen» für die Hirten, die nach der Engelsbotschaft sich auf den Weg machen, um den neugeborenen Retter zu sehen. Warum diese Betonung? Weist das Zeichen der Krippe auf das hin, was sich in einer Krippe befindet - nämlich Nahrung? Ahnten die Hirten beim Anblick des Jesuskindes, was die Jünger dreissig Jahre später bei der Lehre von Jesus nicht verstanden? Denn nachdem Jesus sagte: "Ich bin das Brot des Lebens" (Johannes 6,48), nahmen viele Anstoss und wollten ihn verlassen (Johannes 6,66). Kinder sind Brot der Liebe für uns. Ihre Ernährung, Erziehung und Ausbildung kosten Geld und Nerven, aber sie beschenken und «nähren» uns selbst mit unbezahlbarer Liebe und Vertrauen. Viele Kinder werden heute in Krippen gut betreut, aber die beste "Jesuskrippe" ist immer noch dort, wo auch Maria und Josef sind - nämlich daheim.

Die Windeln

Auch die Windeln werden im gleichen Vers (Lukas 2,12) ein "Zeichen" genannt. Eigentlich steht ESPARGANOMENON, das heisst «eingewickelt, eingewindelt» im Urtext. Die meisten Bibelausleger betonen hier das echte Menschwerden des Gottessohnes Jesus, der wie jedes Baby Windeln braucht. Das stimmt. Aber es steckt mehr in diesen Windeln als der natürliche Gebrauch. "Eingewickelt" zeigt die umhüllende Fürsorge, die alle Kinder benötigen. Ich habe gerne unsere fünf Kinder gewickelt und habe viel dabei gelernt. Die Menschlein lehrten mich Berührungsängste abzubauen, auch "wenn es mir mal stank", wie man so sagt! Die Hilflosigkeit der Kleinen offenbarte sich mir am meisten beim Windelwechseln.
Meine Frau zeigte mir, wie man am besten eng wickelt, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen, aber auch nicht zu eng, um das Baby nicht einzuschnüren. In der Seelsorge halfen mir diese Erfahrungen. Hilfsbedürftige Menschen umwickeln, aber nicht "einwickeln". Menschen fürsorglich umwickeln, aber nicht einengen. Versuchen wir Menschen in ihren Problemen so liebevoll zu begleiten, wie wir es an den Kindern getan haben oder es als Kind erlebten.

Der kleine Gott

Der allmächtige Gott plante seinen Erlösungsweg von oben nach unten und von unten nach oben. Aus dem Himmel zur Erde und zurück von der Erde zum Himmel. Von gross zu klein und wieder von klein zu gross. Vom Gott-sein zum Mensch-sein und vom Mensch-sein zum Gott-sein. Von der Macht zur Ohnmacht und von der Ohnmacht zur Macht. Vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben. Der beste Text dazu steht im Brief an die Philipper 2,5-11 - in ergreifender Sprache. Der Leser achte besonders auf Vers 7: Dort ist der Wendepunkt vom grossen "Gott-Gott" zum kleinen "Gott-Mensch, der seinen menschlichen Anfang als Baby in Bethlehem nimmt. Ganz klein. So haben wir alle angefangen, Mensch zu sein. Ganz klein.

Wer gross sein will...

...der werde klein! Oder "wer gross sein will, der bleibe klein"? Als die Jünger Jesus fragen, wer der Grösste im Königreich Gottes sei, weist Jesus auf ein Kind hin (Matthäus 18,1-5). An Kindern sehen wir das Urvertrauen des Glaubens. Alle Kinder glauben an Gott. Wenn sie im Erwachsenwerden nicht oder immer weniger an Gott glauben, so hat man sie im Glauben nicht gefördert oder ihn sogar verhindert. Im Matthäus 18 Text ab Vers 6 erkennt man den unermesslichen Wert, den Kinder in Gottes Augen haben. Darum tragen auch wir eine riesige Verantwortung für Kinder. Aber lesen wir nicht auch in diesem Matthäustext, dass wir Jesus selbst "aufnehmen", wenn wir Kindern Gutes tun? Und überhaupt: Täte es nicht vielen von uns Christen gut, wenn wir bei grossen Zielen im Reiche Gottes uns mehr "Kindersinn" bewahrten?

In der Adventszeit und besonders am Weihnachtsfest haben Millionen von Menschen weltweit ein Kind vor Augen. Eines in einer Krippe, im Stall der Herberge zu Bethlehem. Somit haben sie JESUS vor Augen - oft ist es das Einzige, was sie von ihm wissen. Vielleicht wächst eines Tages dieses Kind in ihnen heran und sie kommen zum erlösenden Glauben. Sind wir bereit, ihnen mit offenem Herzen und Einfühlungsvermögen beizustehen, damit der "kleine Gott" in ihrem Herzen gross und ihnen zum "Brot des Lebens" wird?

Andrea Xandry schrieb die Broschüre "Die Weihnachtsgeschichte, wie sie in der Bibel steht", reich illustriert von seiner damals achtjährigen Tochter Jael. Dort findet der Leser manche Überraschung und neue Ideen zur Krippenspiel-Aufführung in der Gemeinde.
CHF 5.-, zu bestellen bei Andrea Xandry, Rieterstrasse 33, 8002 Zürich oder via Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .