Warum Menschen leiden müssen

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Gedanken zu einer Bibelbetrachtung

Vor einiger Zeit las ich wieder einmal systematisch das ganze Neue Testament im griechischen Urtext durch - eine für mich beglückende Ferienlektüre! Dabei stiess ich auf die Aussage von 2. Thessalonicher 1,4-5: "...eure Verfolgungen und Drangsale (sind) ein offenbarer Beweis des gerechten Gerichts Gottes, dass ihr würdig geachtet werdet des Reiches Gottes, um dessentwillen ihr auch leidet." Das Leiden der Christen in Thessaloniki ist "ein offenbarer Beweis des gerechten Gerichtes Gottes". Der hier genannte, nicht leicht verständliche Aspekt des Leidens erhellte meinen Geist und gab mir den Anstoss, der Frage, weshalb Menschen überhaupt "leiden" anhand weiterer Bibelstellen auf den Grund zu gehen .

Andrea Xandry

Mir wurde neu bewusst, dass es zunächst Jesus selbst war, der "von Anfang an" litt, von Grundlegung der Welt an war er "das geschlachtete Lamm" (Offenbarung 13,8). Somit war Jesus der erste Leidende. Danach litten auch die Seinen, die sich zu Gott haltenden Menschen. Sie litten seit Abel (Matthäus 23,35), oft sogar freiwillig (Hebräer 11,35) weil sie die geistlichen Zusammenhänge erkannten. Paulus schreibt in Römer 8,36, dass die Gläubigen täglich und überall "wie Schlachtschafe" behandelt werden. Dieser Hinweis ist in eine der schönsten Doxologien (Lobpreisungen Gottes) der Welt eingebettet und tröstet bis heute Millionen Leidende.

Gottes gerechtes Gericht

Gott wird eines Tages alles Leiden vor Gericht bringen. Im letzten grossen Gericht (Offenbarung 20,11ff) wird jeder Sünder zu einer "gerechten" Leidenszeit verurteilt. Ein Sünder wird nie sagen können, dass Gott sich von der Höhe seines Thrones aus anmasst, Strafe und Leid zuzumessen, ohne zu wissen, was er da dem Sünder "zumutet". Denn Gott selbst litt in Jesus Christus mit. Unaussprechliches Leid nahm Gott auf sich selbst. Und erlitt um so mehr Qualen, da ein Unschuldiger (Jesus, sein Sohn) für die Schuldigen (alle Menschen, alle Geschöpfe) litt (Jesaja 53,1-6).

Offenbarung 13,8 lässt erkennen, dass Jesus (hier das "Lämmlein", das "Opfertier" genannt) von Anfang an von diesem kommenden Leiden wusste. Er nahm es im Voraus auf sich. Er schuf die Menschen als mit freiem Willen begabte Geschöpfe, die ihren Schöpfer entweder ehren oder sich von ihm abwenden und der Sünde und dem Verursachen von Leid zuwenden konnten! Von diesem Leiden "verschonte" Gott auch diejenigen Menschen nicht, die IHN ehrten und den Mitmenschen Gutes taten, selbst wenn sie unter denselben litten. Auch diese "Gottesmenschen" gingen und gehen seit jeher durch Leiden. Daran wird der im letzten Gericht zum Leiden verurteilte Sünder die Integrität und Gerechtigkeit Gottes erkennen. Und somit auch anerkennen müssen, dass er nach dem gerechten Gesetz Gottes verurteilt wird.

Dieses gerechte Gesetz Gottes erklärt sich in grösster Kürze mit "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. Mose 21,24). Das heisst, alles verursachte Leiden muss durch den Verursacher, den "Sünder", mit demselben Leiden erstattet werden! So muss er durch hundert, ja tausendfaches Leiden hindurch gehen, in dem Masse, in dem er hunderten, tausenden Menschen während seines ganzen Lebens Leiden zugefügt hat. Unvorstellbar, was ein Tyrann, der millionenfaches grosses und kleines Leid verursachte, dann durchleiden muss: Von der kleinsten Demütigung bis zum grausamsten Mord an allen Opfern. Aber, und auch das soll uns zu denken geben:, Gott ist gerecht. Er richtet alles mit Mass und Ziel. Er verhängt keine unendliche Strafe für ein "endliches" Verbrechen. Doch unvorstellbar gross und lang - von Äon zu Äon, von Zeitalter zu Zeitalter - wird dieses Leiden dauern.

Da kann man nur mit David und Paulus sagen: Wohl dem Menschen, dem seine Sünden nicht zugerechnet werden, weil er darauf vertraute, dass Jesus seine Strafe trug! (frei nach Psalm 32,1-2; 2. Korinther 5,20-21).

Das eingangs zitierte Wort aus 2. Thessalonicher 1,5 ist somit ein entscheidender Grund, warum alle Menschen, ob sie mit oder ohne Gott leben, leiden müssen: Damit Gottes Gerechtigkeit beim letzten grossen Gericht offenbar sei. Die Bibel gibt noch eine ganze Reihe weiterer Gründe an, weshalb und wozu Menschen leiden. Im Folgenden sind einige von ihnen stichwortartig aufgelistet.

Leben (wollen) ohne Gott

Weil Menschen die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten und somit ihr unverständiges Herz verfinstert wurde (Römer 1,18 und 21 im Kontext): Überall wo Gottes Wahrheit ersetzt, aufgehalten oder verzerrt wird, beginnt das Leiden. Es schleicht sich langsam ins Leben ein und wird, wie die Römerstelle zeigt, je länger je weniger als Konsequenz der Gottferne erkannt. Aus der Verfinsterung des eigenen Herzens kann nur noch ein Gnadenakt Gottes den richtigen Weg zum Licht der Umkehr leiten.

Weil Menschen Gottes Gebote zum Leben missachten (Markus 10,22): Das Beispiel des reichen Jünglings weist uns zu den Geboten Gottes. Dazu gehören das "grösste Gebot" siehe Markus 12,30 und die zehn Gebote, dort besonders ersichtlich an der Verheissung eines langen Lebens beim Gebot "Ehre Vater und Mutter" (2. Mose 20,5). Ferner könnte man alle Sündenaufzählungen nennen, die zum Leiden führen (siehe Römer 1,26-32; Galater 5,19-21; 2. Tim. 3,1-5 und auch 1. Tim. 1,5-11). Die Luther-Übersetzung spricht in 1. Tim. 5,10 von "heilsamer" Lehre .

Weil Menschen reich werden wollen (1. Timotheus 6,9): Wer nicht das Wort Agurs in Sprüche 30,8-9 beherzigt, der wird unnötiges Leiden auf sich, seine Familie und Mitmenschen bringen. Dort steht: "Armut und Reichtum gib mir nicht, speise mich mit dem mir beschiedenen Brote; damit ich nicht satt werde und dich verleugne und spreche: Wer ist Jahwe? und damit ich nicht verarme und stehle und mich vergreife an dem Namen meines Gottes." Viele Menschen wissen nicht, dass es ein Mass gibt an Reichtum (oder Armut). Wer dies überschreitet, der richtet sich seelisch - und oft auch physisch - zugrunde. Wer kennt nicht die Beispiele der Lottomillionäre, die ein bis zwei Jahre nach ihrem Gewinn verarmt waren! Aber es gibt auch Menschen oft in der nächsten Umgebung, die im Hinblick auf wirtschaftliche Vorteile ihren geistlichen Stand verlieren oder ihre Ehe und Familie vernachlässigen und manchmal ganz zerstören.

Weil Menschen ohne Erkenntnis sündigen (Lukas 12,48): Hier bleibt die Frage offen, warum man sich nicht nach dem Willen Gottes erkundigt hat? Oder warum man sich wenigstens nicht nach dem allgemein gültigen Grundsatz richtete "Alles nun, was immer ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, also tut auch ihr ihnen; denn das ist das Gesetz und die Propheten"? (Matthäus 7,12) Gut, manch einer lebt einfach vor sich hin und weiss nicht viel von gut und schlecht. Aber schuldig ist er dennoch und verursacht sich selbst und anderen Leiden.

Verstellte Sichtweisen und Prioritäten

Weil man sündigt, obwohl man Gottes Wille kennt ( Lukas 12,47): Wie viele Male weiss man genau, was Gottes Meinung zu einer Sache wäre und tut dennoch das, was nicht richtig ist! Bei kleineren Dingen des Alltags fällt es "nur" mit Unannehmlichkeiten als Konsequenz ins Gewicht. Bei grösseren allerdings kann es "böse" Folgen haben. Die schlimmste ist wohl in Hebräer 10,29-31 nachzulesen! Auch Paulus kennt sehr wohl die Schwierigkeiten zwischen Wollen und Tun. Er hat im Römerbrief Kapitel 7 schmerzlich davon berichtet! Wenn selbst er unter der Diskrepanz von Wollen und Tun litt, dann dürfen auch wir uns mit demselben Sinne wappnen!

Weil man sich nicht um Gottes Sache kümmert, zwar viel arbeitet und doch wenig dabei herausschaut (Haggai 1,6): Haggai beschreibt ein geistliches Prinzip: Weil sich die Israeliten nur um ihr eigenes Wohlergehen kümmerten und nicht um "das Haus Gottes" (Gottes Reich, seine Gemeinde, seine Anliegen), zerrann ihnen alles unter den Fingern. Ähnliches erleben viele Menschen von Monat zu Monat: Viel Arbeit und vielleicht sogar guter Verdienst - und es reicht nur gerade so, um (fast) alles zu bezahlen. Zu viel mehr reicht es nicht. Und man wollte doch noch für die Ferien oder für eine grössere Anschaffung was zurücklegen! Es ist ein Leiden, das von denen, die am Existenzminimum leben, noch stärker erlebt wird. Es hat aber auch damit zu tun, dass man sich nur um das Eigene sorgt.

Weil man zuviel arbeitet und dadurch in ein "burn-out" kommt (Offenbarung 2,3): Hier ist vom Griechischen eine andere Lesart möglich. Anstatt: "...und bist nicht müde geworden" auch: "...und hast dich nicht abgemüht mit allen deinen Kräften." Das heisst, du hast dich nicht übers Mass hinaus abgerackert, sodass deine Arbeit Mühsal, Beschwerde, "burn-out" auslöst, sondern sie bringt – was sie tun sollte - Zufriedenheit. Für das Müdewerden im Sinn von nachlässig werden, nachlassen, wird ein anderes Wort (engkakeoo) verwendet, siehe Lukas 18,1; Galater 6,9.

Weil sich Menschen falsch ernähren - zum Teil aus religiösen Gründen. (1. Timotheus 5,23): Timotheus neigte wahrscheinlich zu einem asketischen Lebensstil. Er verzichtete auf Wein, eventuell auch aus Gründen des Glaubens, da Wein in Festgelagen und in Götzenopfern missbraucht wurde. Doch "ist dem Reinen alles rein" (Titus 1,15) und "nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird" (1.Timotheus 4,4). Wein, mit Mass genossen, gehört zu einer gesunden, ausgewogenen Ernährung. Dies lässt sich zum Beispiel erkennen an der tieferen Zahl von Herz- und Kreislaufkrankheiten in mediterranen Ländern im Vergleich zu den nordeuropäischen Ländern. Ausserdem wurde der Wein von Gott geschaffen, "damit er des Menschen Herz erfreue" (Psalm 104,15). Unzählige andere Ernährungseinseitigkeiten oder ein Zuviel oder ein Zuwenig von etwas bringen körperliche Leiden.

Weil man denkt, dass sich Gott aus dem Leben zurückgezogen hat (Psalm 77,6-11): Asaph hat in seinem Psalm 77 gesagt: "Das ist mein Kranksein, das ist mein Weh...die Güte Gottes, seine Zusagen... hören sie auf?" Seelsorger werden oft konfrontiert mit diesen Fragen. Es ist das Leiden der sensiblen Gläubigen.

Schmerzen als allgemeine Folge der gefallenen Schöpfung

Weil man Schmerz empfindet, z. B. bei einer schweren Geburt (1.Mose 3,16): Seit dem Sündenfall gibt es Schmerzen. Gebärschmerzen sollen zu den grössten Schmerzen überhaupt gehören. Auf einer statistisch erfassten "Schmerzskala" kamen sie vor Zahnschmerzen und heftigem Kopfweh. Schmerz ist Schmerz, der eine erträgt ihn besser, der andere schlechter. Bei einer Geburt ist der grosse Schmerz meist von grosser Freude um das Neugeborene gekrönt! Aber auch die Schmerzen harter Arbeit "im Schweisse unseres Angesichtes" gehören dazu. Es ist das Leiden deren, die Verantwortung für sich und das Leben anderer (Familie) wahrnehmen (1. Mose 3,19).

Weil Beziehungen nicht richtig verlaufen (1. Mose 3,16): Beziehungsschmerzen sind nicht "messbar". Sie treiben Menschen in schlimme Depressionen, in Abhängigkeit, in vielerlei Leid und oft auch in den Tod. Da wir "sozial" angelegte Wesen sind, haben Beziehungsfragen höchste Priorität im Leben der meisten Menschen. Deshalb nimmt das Thema der Vergebung einen so zentralen Stellenwert in der Bibel ein, damit wir nicht im Gefängnis der Unvergebung und Bitterkeit den Peinigern überlassen bleiben müssen (Matthäus 18,21-35).

Weil finstere Mächte Menschen gegen Menschen missbrauchen (Epheser 6,12): Menschen gegen Menschen im Kampf – nicht nur mit tödlichen Waffen, sondern auch mit den vielen Ungerechtigkeiten und Gemeinheiten im Alltag! Man wehrt sich weil man angegriffen wurde. Man bekämpft sich, weil man bekämpft wurde - und man übersieht so häufig dabei, dass Menschen oft nur Werkzeuge böser Mächte sind. Bevor wir Leiden mit Leiden vergelten, sollten wir die Hintergründe des uns zugefügten Leidens zu erkennen versuchen. Lieber einmal zu viel als einmal zuwenig Römer 12,18-20 anwenden! (Bitte nachlesen, was mit den "feurigen Kohlen" auf dem Haupt des Gegners gemeint ist!).

Weil man sich den Nichtigkeiten, Sünden und der ganzen Weltentwicklung gegenüber machtlos fühlt (Prediger 1,18; Psalm 77,6): Zu wissen, wie ohnmächtig man den meisten schlechten Entwicklungen zusehen muss, bringt manchen in Traurigkeit und in fatalistische Lähmung der Seele. Gefahren zu erkennen und machtlos zuschauen zu müssen, wie sie in den Wind geschlagen werden, ist eine grosse Last! Den Lug und Trug und die Manipulation der Mächtigen zu durchschauen, ihnen bewusst zu begegnen und dabei unbeschwert zu bleiben, ist eine Gnade, die nur Gott geben kann. Auch endzeitliche Erkenntnis muss im Lichte des Gesamtplans Gottes gesehen werden, damit sie uns nicht im Gutestun bremst (2. Thessalonicher 2,13) oder unsere Liebe erkalten lässt (Matthäus 24,12).

Weil die Schöpfung der Vergänglichkeit und Nichtigkeit unterliegt und auf die Enthüllung der Söhne Gottes wartet (Römer 8,18-23): Diese Stelle kann als eine der allgemeinsten Aussagen über das Leiden überhaupt angesehen werden, weil es die ganze Schöpfung betrifft. Die Überwindung der Vergänglichkeit findet in Abteilungen statt, wie es in aller Kürze im 1. Korinther 15,20-24 steht. Vers 23: "Ein jeder aber (wird auferstehen) in seiner eigenen Ordnung: der Erstling Christus, sodann die welche des Christus sind bei seiner Ankunft; dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt." Mit Ankunft ist die Wiederkunft Jesu gemeint. Auferstehung schliesst Verwandlung mit ein. Die im Text erwähnte "Enthüllung" der Söhne Gottes nun ist identisch mit der Verwandlung der Gläubigen in einen Herrlichkeitsleib gemäss 1.Korinther 15,51-54 mit dem zentralen Vers 51: "Wir werden aber alle verwandelt werden." Alle, das sind die an Jesus Christus Gläubigen, alle "Söhne des Sohnes"! Wenn bei Jesu Wiederkunft sie die Vergänglichkeit überwinden, wird die Schöpfung aufatmen können - sie kommt auch bald "an die Reihe"; ihr Leiden wird ein Ende haben.

Damit man die rechte Weisung und Hilfe bei Gott suche

Damit man, wie Jesus selbst, durch Leiden Gehorsam lernt (Hebräer 5,8-9): Wenn man zwei Möglichkeiten vor sich hat und weiss, dass eine davon mehr auf Gottes Wort beruht als die andere, was dann? Man wird sich oft für den selbstsüchtigeren Weg entscheiden. Entscheidet man sich aber gegen den eigenen Vorteil, weil man erkannt hat, dass Gottes Wort anders rät, dann ist auch dieser Entscheid ein Stück Leiden. Wir sind dort anders als Jesus, der immer gegen seinen Vorteil und immer in der Führung seines himmlischen Vaters und dessen Wort handelte. So war er ohne Sünde (Johannes 8,46 und 2. Korinther 5,21) und so "lernte er den Gehorsam an dem, was er litt, obwohl er Gottes Sohn war" (Hebräer 5,8). - Leiden kann aber auch ein Ruf Gottes sein, dass ein Mensch an dem, was er leidet sein Hören auf Gottes Wort schärft, dass er falsche Wege wie zum Beispiel Gesetzlichkeit, Religiosität, falsch verstandene Nächstenliebe etc. erkennt und lässt.

Damit man Gott sucht und betet (Jakobus 5,13): Im "gut funktionierenden" Tagesablauf kommt das Gebet oft zu kurz. Erst im Erkennen und Erfahren von Not und Leiden gewinnt das Gebet wieder an Wichtigkeit und Kraft. Darum weist wohl Jakobus auf die Empfindungen oder Gemütsbewegungen des grossen Propheten Elia hin. Selbst dieser brauchte eine äussere Notlage als Anstoss zum "ernstlichen" Gebet!

Damit man Sünden bekennt und Gottes Heilung erfährt (Jakobus 5,16): Gegenseitiges Bekennen von Sünden, Schwächen und Vergehungen in der Gegenwart Gottes erzeugen Mut, Zuversicht und manchmal auch Heilung. Man sieht, dass auch andere ihre Kämpfe und Leiden haben und dass wir miteinander auf Gottes Gnade angewiesen sind.

Damit einem Gottes Gnade genüge (2.Korinther 12,9): Der Textzusammenhang zeigt eine Leidenssituation auf, aus der Paulus sich durch dreimaliges Flehen zu Gott zu befreien suchte. Gott befreite ihn aber nicht, sondern wies auf seine Gnade hin und darauf, dass Gottes "Kraft in Schwachheit zur Vollendung kommt". In anderen Situationen, wie zum Beispiel nach einer Steinigung, hatte Gott Paulus jedoch augenblicklich von den schwersten Wunden (Apostelgeschichte 14,19-20) geheilt. Es gibt bei den Gnadenerweisungen Gottes, bei Heilungen oder Nicht-Heilungen keine Regel. Wichtiger scheint Gottes liebende Gesamtschau zu sein - über das Leben und die Vollendung jedes einzelnen und auch der gesamten Gemeinde.

Damit man mit der Sünde abschliesst (1. Petrus 4,1): Leiden "bremst" das Sündigen oder bringt die (Tat-)Sünde zum Abschluss. Wer leidet, hat weniger oder keine Lust zum Sündigen, weil Sündigen ja lustvoll sein und einen Genuss bringen soll. Allerdings "leiden" notorische "Genuss-Süchtige" auch gerade daran, wenn sie wegen ihrem Leiden ihre Sucht nicht mehr befriedigen können. Andere wiederum sind froh, dass ihnen das Leiden die Augen für die Konsequenzen öffnet, und sie hören auf, ihren Körper zu schädigen (rauchen z. B.) oder ihre Seele zu schädigen (betrügen z. B.). Ein Bekannter schrieb hierzu eine Erfahrung: "Nach einigen Kämpfen hatte mich Gott vom Zigarettenrauchen befreit. Da dieses 'Kapitel' somit für mich abgeschlossen war, hatte ich damit nicht mehr weiterzukämpfen. Somit litt ich auch nicht mehr darunter. Dagegen kann eine attraktive Dame, die sich in meiner Nähe nur sehr knapp bedeckt bräunen lässt, in mir noch Gedanken auslösen, die nicht gut sind. Ich kämpfe und sehe auch eine Art Leiden dabei. Warum? Weil ich in diesem Punkt offenbar mit der Sünde noch nicht abgeschlossen habe."

Damit man um des Gewissens vor Gott willen Gottes Gnade erfahre (1. Petrus 2,19): Es scheint, dass das Gewissen durch Leiden geschärft, gestärkt und somit sogar gereinigt wird. Genau betrachtet sagt der Text, dass es Gnade sei, wenn man im Gewissen "Gott gegenüber" Beschwerden tragen könne. Normalerweise ist das Gewissen an Kultur, an Erfahrungen, an gesellschaftliche und religiöse Normen etc. gebunden und darin oft verbogen. Das kann je nach dem zu Gesetzlichkeit bis hin zu religiösem Fanatismus mit den uns bekannten Auswüchsen führen. Wenn das Gewissen aber an den wahren Gott der Liebe und an sein geoffenbartes Wort in der Bibel gebunden ist, dann ist es wahrhaftig "wohlgefällig", vor ihm deswegen auch ungerechtes Leiden tragen zu können.

Damit man Gottes Willen im Leiden erkennen kann (1. Petrus 4,19): Nach Gottes Willen leiden! Das heisst zuallererst, dass man auch ohne (ausserhalb von) Gottes Willen leiden kann. Deshalb ist es von grösster Wichtigkeit, zuerst im Leiden herauszufinden wo "es herkommt" und "was es bezwecken könnte". Dies müsste vor dem Gebet für Heilung oder gar vor dem Ruf nach dem Arzt geschehen! Körperliches, seelisches oder geistliches Leiden, in das hinein Gott uns das Warum und Wozu offenbart, lässt auch eine eventuelle Heilung in einem anderen Licht erscheinen. Es gibt und gab schon immer Menschen, die eine Heilung oder eine Beendigung des Leidens aus diesen Gründen ablehnten. Ein starkes Beispiel: Ein durch Unfall erblindeter Prediger betete nach Jahren eines gesegneten Dienstes heiss um Wiedergewinnung seines Augenlichts. Und Gott gab es ihm tatsächlich zurück - in seinem Gebetskämmerlein. Die Freude war gross! Doch dann sagte ihm Gott, wie sein Dienst mit weniger Segen von nun an weitergehen würde - es sei denn, er wähle wieder das Blindsein! Der einsame Kampf im Herzen des Predigers und in dieser Gebetskammer ist kaum vorstellbar. Der Diener Gottes wählte – nach Stunden - wieder die Blindheit. Nicht viele müssen durch ein solch extremes Beispiel durch. Aber schon ein paar Tage Grippe wären bei manch einem arbeitsamen Menschen besser im Bett verbracht worden (und mit Gott dabei!) als mit Tabletten im Büro.

Leiden trotz Leben mit Gott

Weil manchmal noch die Konsequenzen der Jugendsünden zu tragen sind (Jeremia 31,19): Vergebung der Sünden und Konsequenzen aus Sünden sind zwei verschiedene Sachen. Die Vergebung - das Erlassen der verdienten Strafe, laut Gottes Gesetz - erhalten wir geschenkt, wenn wir uns Jesus Christus zuwenden und ihn darum bitten. Die Konsequenzen der Sünden stehen auf einem anderen Blatt: sie können auch "erlassen" werden (bei Gott ist alles möglich) mit der Vergebung, sie können aber auch noch jahrelang unser gesamtes Leben beeinflussen. Ein leichtsinniges, ungezügeltes Leben in der Jugend kann den Körper so nachhaltig schädigen, dass man bis ins Alter darunter zu leiden hat. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Beispiele: Motorradfahren ohne Schutzkleidung, das zu späterer Nierenschwäche führt. Oder wer Süchten stets nachgegeben hat, kann später in seinem ganzen Verhalten überdurchschnittlich labil bleiben. Oder wer den Eltern gegenüber stets rebellisch war, kann später Gleiches mit seinen Kindern erleben.

Weil man mit Gottes Geboten leben möchte (Psalm 34,19; 2.Tim.3,10-13): Wer hat es nicht selbst schon erlebt: Jemand kehrt um von seinen schlechten Wegen und versucht nach Gottes Geboten zu leben - und man denkt, dass sich alle darüber freuten! Leider sieht die Realität oft anders aus. "Alle, die gottselig (im Einklang mit Gott) leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden" (2.Timotheus 3,12). Leider wird diese Art Leiden oft nicht richtig im Leben erkannt, verdrängt oder anderen Ursachen zugeordnet.

Weil man Kraft für das Neue gewinnt (1. Mose 37,34): Der Erzvater Jakob litt viele Tage lang unter dem (vorgetäuschten) Tod seines lieben Sohnes Josef. Trauern, im Masse der göttlichen Führung und der menschlichen Kraft, bringt der Seele Ruhe und Kraft für einen Neuanfang. Die masslose Trauer, die vom Feind der Seelen unterstützt wird, bringt nur grösseres Leid. In 2. Korinther 4,17 steht: "Denn das schnell vorübergehende Leichte unserer Drangsal bewirkt uns ein über die Massen überschwengliches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit."

Weil man für den Namen Jesus einsteht (Apostelgeschichte 5,41; 9,16): Nicht nur in den frühchristlichen Zeiten mussten unsere Glaubensgeschwister viel leiden. Die Bedrängnisse um Christi Namen willen ziehen sich bis in unsere Tage als blutige Spur durch die Geschichte. Man sagt, das Blut der Märtyrer sei der Same der Kirche. Wie wahr! Im römischen Reich hörte man unter anderem darum mit den Christenverfolgungen auf, weil es trotz grausamer Pogrome immer mehr Christen gab. Man konnte ja schlussendlich nicht den Grossteil des eigenen Volkes opfern! Heute geben viele Christen ihr Leben in islamischen, hinduistischen und buddistischen Ländern. In der westlichen Hemisphäre sieht das Leiden um Jesu willen anders aus. Man hat eher gesellschaftliche Nachteile zu erdulden oder man wird von der Familie ver- und missachtet, wenn man offen für Christus, für seine Ideale eintritt. Auch das kann weh tun.

Weil es Freude bringt (1. Petrus 4,13 und Hebräer 12,2): Die Apostel "gingen aus dem Hohen Rat fort, voller Freude, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Schmach zu leiden" (Apg. 5,41). Den Leiden des Christus teilhaftig zu werden, heisst auch an seiner Herrlichkeit teilzuhaben, wenn er sich dieser Welt offenbaren wird. Gläubige, die sich biblisch gut auskennen, können sich auch besser auf kommende Ereignisse freuen! Die Schmerzgrenze wird erweitert werden.

Weil man eine starke Offenbarung gehabt hat (Daniel 8,27; 2. Korinther 12,7): Nicht vielen geschieht heute eine so starke Offenbarung, wie sie ein Daniel oder Paulus hatten. Und doch haben Menschen Gottes immer wieder "umwerfende" Erfahrungen, in denen Gott sich souverän zeigt. Freude und Schwachheit liegen oft eng beieinander, je nach Art der Offenbarung natürlich!

Tieferes Verbunden- und Einswerden mit Jesus und seinem Leib

Weil man so Mitgefühl als Glied am Leibe Jesu für andere Glieder erfährt (1. Korinther 12,26): Es ist schwierig, sich wirklich in Freud oder Leid eines anderen Menschen hineinzuversetzen. In Sprüche 14,10 steht: Das Herz kennt seine eigene Bitterkeit, und kein Fremder kann sich in seine Freude mischen." Und doch lehrt uns 1. Korinther 12,12-27, dass wir als Glieder am Leibe Christi ähnlich reagieren sollten, wie es uns unsere eigenen Leibesglieder lehren: mitleiden und sich mitfreuen können! Haut man sich auf eine Hand, deckt reflexartig die andere die schmerzende Stelle zu. "Vor allen Dingen aber habt untereinander eine anhaltende Liebe, denn die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden" (1. Petrus 4,8). Meist tut man das Gegenteil: Man deckt möglichst viele Sünden des anderen auf und hört dann bestimmt viele Rechtfertigungen dafür. Richtig mitfühlen kann man nur durch den Geist Gottes. Aber gerade dieser lehrt uns den Weg Christi, der für alle litt und heute noch mit allen mitleidet.

Damit noch fehlendes Leiden des Christus "ergänzt" werde (Kolosser 1,24): Wenn im Neuen Testament der Ausdruck "der Christus" gebraucht wird (siehe Elberfelder Übersetzung), kommt darin oft die Verbundenheit von Christus dem Haupt und den Gläubigen als Glieder des Leibes Christi zum Ausdruck. Als Jesus am Kreuzespfahl "Es ist vollbracht" rief, hatte er den Sieg über Sünde und Satan vollbracht. Als er auferstand, den Sieg über den Tod. Aber den Sieg über das Leiden nicht; sein Leiden als Mensch war menschlich mit seinem Sterben vorbei, und dennoch geht sein Leiden als geistliches Haupt seiner Glieder auf Erden, in den Gläubigen, in der Gemeinde weiter. Viele Stellen zeigen das Leiden der Christen als Konsequenz ihrer Nachfolge Christi wie 1.Petrus 4,1 es aussagt. Nun gibt es in einem grossen Hause viele Gefässe. Nicht alle sind zu "ehrenhaftem" Gebrauch (siehe 2. Timotheus 2,20). Nicht alle tun den Willen Gottes gleichermassen. Viele drücken sich am liebsten zum Vornherein vor dem Leiden anstatt Gott zu fragen, ob ihr Leiden vielleicht einen Sinn mache. Petrus sagt (1. Petrus 4,19): "Daher sollen auch die, welche nach dem Gottes Willen leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen befehlen im Gutestun." Im Hinblick auf Kolosser 1,24 wusste Paulus offensichtlich um diese Wahrheit der noch zu "erstattenden" Leiden, die er anstelle anderer, hier Christen in Kolossä, auf sich nahm, und zwar im Willen (Einverständnis, Führung) des Hauptes Jesu Christi.

Weil Leiden ein Teil unser aller Berufung zur Nachfolge Christi ist (1. Petrus 2,20-21): Leiden, nachdem man Unrecht tat, hat mit "verdienter" Strafe zu tun. Die meisten Menschen begrüssen eine solche Strafe. Aber es tut doppelt weh zu leiden, nachdem man Gutes getan hat, oder weil man Gutes tat! Jesus erging es so in stärkstem Masse. Dass wir als seine Nachfolger Ähnliches erleben, darf uns nicht verwundern.

Damit Gottes Gerechtigkeit, Weisheit und Werke allen offenbar werden

Damit sich Satans Verklagungen als unwahr oder verkehrt erweisen (Hiob 1,9-12 und 42,10): Satan verklagte Hiob bei Gott, er sei nur darum so gottesfürchtig, weil Gott ihn so gesegnet habe. Und Gott mutete Hiob zu, einem schweren, vom Satan verursachten Leiden ausgeliefert zu werden, damit sich Satans Argwohn als falsch erweise, was sich im Verlauf des Buches Hiob dann auch zeigt. Seit je war es der Gläubigen Auftrag, Gottes vielfarbene Weisheit den Engeln zu zeigen. Dazu Paulus in Epheser 3,10: "...auf dass jetzt den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Gemeinde kundgetan würde die mannigfaltige (griechisch 'vielfarbige') Weisheit Gottes." Und zu dieser vielfarbigen Weisheit Gottes gehört auch unser Umgang mit dem Leiden und mit den Verklagungen Satans und seiner Anhängerschaft. Denn Satan, der Verkläger wurde mit seinen Engeln aus dem Himmel auf die Erde geworfen! Gott hat dem Satan einen gewissen Spielraum auf der Erde gegeben. Es wäre nützlich und wichtig, in der aktuellen Verkündigung davon zu hören, was der Auftrag der Gemeinde an der unsichtbaren Welt, an der bösen und der guten Engelwelt ist und was nicht. Das würde die Lehren der "geistlichen Kampfführung" verfeinern und bereichern. Den Gläubigen des Neuen Testamentes ist in Offenbarung 12,11 verheissen: "Sie haben ihn (Satan) überwunden durch das Blut des Lammes, durch das Wort ihres Zeugnisses und dass sie ihr Leben nicht geliebt haben bis zum Tod."

Damit die Werke Gottes offenbar werden (Johannes 9,1-3): Dass in Schwachheit und Behinderungen Gottes Werke offenbar werden, liegt nicht auf der Hand. Und doch haben gerade behinderte Menschen Grosses vollbracht. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Beethoven: in schwersten Verhältnissen aufgewachsen, später taub geworden, wurde er zu einem der grössten Komponisten der Weltgeschichte! Im heutigen Alltag sieht man mit Staunen, wie Menschen mit Behinderungen ihr Leben meistern. Diese Kraft gibt Gott. Ob sie als von ihm kommend erkannt wird oder nicht, spielt nur eine nebensächliche Rolle. Behindert und aus Glauben an Jesus lebend - das ist ein grosses Zeugnis für Gottes Werk. Eine Heilung von Behinderung, wie der Blinde im Text, bringt wieder eine andere Seite von Gottes Werken ans Licht. Beides – behindert sein Leben zu meistern und von dieser Behinderung geheilt zu werden - beides ist Gottes Werk. Beachte dazu auch Hebräer 11,33-40.

Mein Dank geht auch an Walter Nussbaumer, Markus Schildknecht und Regula Schudel, die mir zu dieser Studie weitere Anregungen zuschickten.

Das hier für Grundlegung oder Schöpfung gebrauchte griechische Wort KATABOLÄ bedeutet eigentlich „Herabwurf" und könnte auch den „Fall der Schöpfung nach dem Sündenfall" bedeuten. Das Leiden Jesu zeigte sich eh und je im Mitleiden mit allen leidenden Geschöpfen.

Das griechische Wort im Urtext ist HYGIAINOUSÄ DIDASKALIA. Es lässt einen weiteren Wort-Zusammenhang erkennen, nämlich das deutsche "hygienisch"! Darum übersetzt wohl die Elberfelder mit "gesunder" Lehre.

kopiaoo – griechisch: sich abmühen mit Arbeit, wobei das Hauptwort kopos die Ermüdung, die Erschöpfung der Arbeit bedeutet.

Ein Beispiel dazu aus der Schrift steht in Apg. 9,4. Saulus verfolgt die Christen und Jesus spricht ihn an mit: "Saul, Saul, was verfolgst du mich?"

Auch 1. Petrus 1,12 redet über "..in welche Dinge Engel hineinzuschauen begehren." Hier geht es im Zusammenhang um die gesamte Botschaft des Evangeliums, und 1.Petrus 1,11 leitet diese Aussage ein - mit dem Hinweis auf die Leiden und Herrlichkeit Christi. Die Gemeinde Jesu aller Zeiten ging und geht durch Ähnliches wie ihr Meister.