Urtextperle SYSTELLO - zusammengestellt, verkürzt, verdichtet

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Biblische Widersprüche?

Sind biblische Texte nicht oft schwer verständlich oder gar widersprüchlich? Stimmt und stimmt nicht. Denn was ist mit 'widersprüchlich' gemeint? Verglichen mit wissenschaftlichen Texten könnte es stimmen....wenn zum Beispiel Fachausdrücke nicht (mehr) mit biblischer Semantik übereinstimmen.
Vergleicht man aber biblische Texte indem man sie anderen biblischen Texten gegenüber zusammenstellt (SYSTELLO), dann sind widersprüchliche Aussagen nur scheinbar widersprüchlich. Bei intensiverem Bibelstudium verändert sich mancher 'Widerspruch' in eine neue Sicht, in ein tieferes Verständnis.

Ein gutes Beispiel dafür bietet der Text aus dem 1.Korintherbrief Kapitel 7, Verse 29 bis 31. Zitat Luther 1956 (Die umgebenden Verse handeln von Verheiratung und Ledigsein und sind nur marginal bedeutend zu dieser Studie.)

'Das sage ich aber liebe Brüder: die Zeit ist kurz. Fortan müssen auch die da Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die da weinen als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besässen sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.'

Wie ist das zu verstehen? Sollen verheiratete Männer so tun, als hätten sie keine Frauen? Weist nicht der Epheserbrief 5,25 auf ihre Frauen hin: 'Ihr Männer, liebet eure Frauen!' Wäre das nicht im Widerspruch mit dem Korinthertext? Sehen wir weiter: Sollen Weinende das Weinen und sich Freuende das Freuen unterdrücken? Wohl kaum - steht nicht im Römerbrief 12,15 das Gegenteil: 'Weinet mit den Weinenden und freuet euch mit den sich Freuenden!' Dann: Sollen Kaufende ihren erworbenen Besitz nicht gottgefällig einsetzen? Klar sollen sie - siehe Matthäus 13,44 als eines von mehreren Beispielen: '...er verkaufte alles, was er hatte und kauft den Acker'. Dann: Wer die 'Welt gebraucht', soll sie gemäss Korinthertext 'nicht gebrauchen'. Wieso? Sollte er sie nicht eher 'recht' gebrauchen', siehe 1.Timotheus 1,8? Und sich nicht so verhalten, als hätte er sie gar nicht? Jedes dieser Zitate könnte als Widerspruch verstanden werden. Aber ist es wirklich so?

Zwei Zeitfaktoren.

Ich denke nicht. Aber dazu müssten wir den ersten Satz im Vers 29 und den letzten Satz im Vers 31 als Kontext berücksichtigen. Es werden zweimal Zeitfaktoren genannt. Einmal direkt und einmal indirekt.
Der Einstieg im Vers 29 weist direkt mit dem griechischen Verb SYSTELLO auf eine verkürzte Frist (KAIROS) hin, die vermutlich auf die Vollendung des Zeitalters hinzielt. Der Ausstieg im Vers 31 erinnert indirekt an die vergehende Zeit mit dem Hinweis auf die Vergänglichkeit, dem Wesen (SCHEMA) unserer 'Welt' (KOSMOS) die bei dem Näherkommen der Vollendung ein besonderes "Gewicht" erhält.

Der Text an die Korinther ist also kontextuarisch einzuordnen und kein Widerspruch. Er ist keine allgemein verbindliche Aussage wie zum Beispiel die erwähnten Zitate aus dem Epheserbrief 5, 25 oder dem Römerbrief 12,15.

Mal so, mal so?

Ein weiterer Gedanke: Ist es ein Widerspruch, wenn man sich in seinem ethischen Verhalten den zwischenmenschlichen Umständen anpasst und 'mal so, mal so' reagiert? Paulus trat bei den Römern als Römer auf und bei den Juden als Jude.(1.Korintherbrief 9,19-23).
Er blieb seinen Lehren treu, stellte sie aber anders zusammen, verkürzte mal einen Inhalt oder verdichtete, intensivierte ihn.

Widersprüche in seinen schwierigen Texten gibt es nicht. Aber es gibt Probleme, alles 'richtig' zu verstehen. Darauf weist schon Petrus hin - siehe 2.Petrusbrief 3,15-16.

Vielleicht konnte mit dem Urtextwort SYSTELLO und den obenstehenden Argumenten das Thema Widersprüche im Neuen Testament verständlicher werden.

Eine zusätzliche Geschichte.

Nun aber kommt der Begriff SYSTELLO noch an einer anderen Stelle im NT vor: in der Apostelgeschichte Kapitel 5, 1-10. Wir finden ihn dort in einem total anderen Zusammenhang...in der Geschichte mit Ananias und Saphira.

Kurz umrissen geht es um einige Schwerpunkte im gesamten Text: Stolz, Besitz, Verantwortung gegenüber Menschen und Gott, Lüge und ihre mögliche fatale Konsequenz, die Ananias und Saphira durch ihren plötzlichen Tod erfahren.

Ihre Leichen werden bei der Bestattung in Grabtücher eingewickelt. Das Besondere dabei ist, dass Lukas (als Verfasser der Apostelgeschichte) für diese Tätigkeit den ungewöhnlichen Ausdruck SYSTELLO verwendet. Er weist, meiner Meinung nach, auf eine tiefere Botschaft hin: Die beiden jungen, von Satan verführten Christen, wurden jäh gerichtet und zu jung ('verkürzt') aus dem Leben in den Tod gerissen. Das Einwickeln ihrer Körper stellt symbolisch ihren geistigen Zustand zusammen, der nun verdichtet, komprimiert den Todesschlaf schläft bis zur Auferstehung. Das letzte Wort zu ihrem Leben wird ihr Schöpfer haben.