Vorsicht, Manipulation!

Kategorie: Artikel Zugriffe: 1800

"Wenn du ein Fremdwort gebrauchst", sagte mein Vater, "dann sei vorsichtig - du bewegst dich auf dünnem Eis". Da ich nun einen Artikel über "Manipulation" schreiben soll, will ich seinen Rat befolgen. Also befrage ich zuerst einmal das Lexikon, um nicht zu früh auf dem unsicheren Untergrund des Halbwissens einzubrechen: "Manipulation" setzt sich aus den lateinischen Worten "MANUS" (Hand) und PLERE (füllen) zusammen. Man hat mit der Manipulation "etwas in der Hand", man hat eine "Handhabung", einen "Handgriff" oder einen "Kunstgriff". Dann erklärt das Lexikon den Punkt, der mich sofort gepackt hat.
Es sagt: "Manipulation ist eine gezielte und verdeckte Einflussnahme".

Die Manipulation hat somit ein Ziel. Sie will aber das Ziel nicht offen benennen. Der Grund ist die Befürchtung, das Ziel nicht zu erreichen.

Manipulieren wir alle?

Ja und nein. Ich denke, je wichtiger uns ein Ziel scheint, desto stärker kommen wir in Versuchung, zu manipulieren.

Haben wir nicht alle von Jugend auf dem Alter angepasste Ziele? Dreht sich nicht jedes Ziel um einen inneren Kern, nämlich um den unserer Anerkennung? Kraft, Erfolg, Reichtum, Status - all das bringt Anerkennung. Und Anerkennung ist ein wichtiger Schritt zu dem wahren Ziel hin: geliebt zu werden. Dafür tun wir alles. Dafür manipulieren wir die Menschen um uns herum. Dafür manipulieren wir uns selbst. Dafür versuchen wir sogar, Gott zu manipulieren. Denn haben wir nicht manchmal versteckte Ziele im Gebet, die wir uns nicht eingestehen wollen und sie uns "schönreden"? Für die wir uns, offen ausgesprochen, sogar schämen würden? Wir manipulieren für Erfolg, Anerkennung und Liebe. Und dafür verwenden wir - bewusst oder unbewusst - die "Kunstgriffe" der Manipulation.

Bewusste und unbewusste Manipulation.

Allerdings denke ich, dass wir im Alltag meistens unbewusst manipulieren. Zusätzlich hängt die Manipulation vom Charakter des einzelnen ab. Bei der bewusst praktizierten Manipulation kommt ausser der Charakter-Eigenschaft noch ein bewusstes "JA" zum Betrug dazu. Der Jakob der Bibel wäre ein treffendes Beispiel dafür: der hebräische Name Jakob heisst "Betrüger" auf deutsch. Er erhielt ihn bei seiner Geburt. Dafür kann er nichts. Aber später in seinem Leben betrog er bewusst, solange, bis ihm der Namen "Israel", "Gotteskämpfer" gegeben wurde. (Genesis Kap. 32,29). Während ich dieses hier gerade schreibe, erinnere ich mich an meine eigenen unbewussten - und leider auch - bewussten Manipulationen. Es ist also Vorsicht geboten, denn auch ich gehöre zu einem der vier Typen von Manipulatoren...

Die vier Manipulations -Typen.

Der Aktive.

Der "aktive" Manipulator will mit Stärke zum Ziel kommen. Er - oder sie - übernimmt in einer Konfrontation sofort die Führung. Man manipuliert, um andere Menschen um eines Vorteils willen zu überrumpeln.
Dazu ein Beispiel:

Bei einem Pausengespräch während einer Konferenz begrüßt Herr Müller einen anderen Teilnehmer mit festem Handschlag. "Guten Tag, Müller aus Zürich. Schön Sie kennenzulernen, Herr....?" Dann intensiviert er den Augenkontakt. Er findet bald heraus, dass sich sein Gegenüber für seine geschäftlichen Ziele "eignet" und überschwemmt ihn mit fachspezifischen Aussagen. Er wirkt bedrohlich - wie jemand mit einer Waffe im Anschlag. Ob er aber mit seinem manipulativen Auftritt Erfolg hat, hängt vom jeweiligen Gegenüber ab - der ja auch mit Erfolgsabsichten auf diese Konferenz kam...aktive Manipulatoren haben nicht immer das letzte Wort.

Der Passive.

Der "passive" Manipulator will mit Zurückhaltung zum Ziel kommen. Dies zeigt sich in Konfrontationen, die er - oder sie - mit gespielter Schwäche und scheinbarer Bescheidenheit manipuliert.  
Als Beispiel dazu bleiben wir bei der vorher erwähnten Situation mit dem Herrn "Müller aus Zürich". Der Passive durchschaut den Aktiven und stellt sich auf ihn ein (denn auch er erwartet geschäftlichen Erfolg auf dieser Konferenz). "Ach ja" entgegnet er dem Herrn Müller mit schwacher Stimme - "soviel haben Sie schon verkauft? Ich war da weniger erfolgreich, wie es scheint... Aber Ihre starke Strategie überzeugt und interessiert mich...". Der Passive umgibt sich mit einem Schutzschild und lässt den Aktiven oft "ins Leere laufen". Manipulationen bewegen sich wie Meereswogen am Strand. Einige kommen weiter hinauf als andere - um dann doch wieder ins Meer zurück zu fallen...
Aktiv, passiv. Hin und Her.

Der Besserwisser.

Der "besserwissende" Manipulator will mit Dominanz zum Ziel kommen. Er - oder sie -manipuliert die jeweilige Umgebung mit überzeugendem Auftreten und mit lexikalischem Wissen. Besserwisser lassen Mitmenschen kaum Raum zu einer Entfaltung.

Ein Beispiel: Frau Muster zeigt nicht nur gerne ihre umfangreiche Garderobe, sondern auch ihr noch umfangreicheres Wissen. Weil sie alles so gut im Griff hat, entgleiten allmählich den anderen Damen im Kaffeekränzchen des Quartiertreffs die Argumente. Und leider auch die Lust, überhaupt noch etwas zu sagen...
Besserwissende Manipulatoren sitzen nicht auf Stühlen, sondern auf Büchern. Sie verhindern einen lebendig fliessenden Austausch und manövrieren sich in das gesellschaftliche Abseits.

Der Gefällige.

Der "gefällige" Manipulator will mit Gefälligkeit zum Ziel kommen. Er ist hilfsbereit und wirkt stets angenehm. In einer Konfrontation gibt er oft nach. Seine - oder ihre - Manipulation fällt nicht sofort auf, hat aber meistens ein enttäuschendes Ende.
Ein Beispiel:

Eine Mitarbeiterin verliebt sich in einen Kollegen.
Er erwidert ihre Liebe nicht, ist aber freundlich zu ihr. Sie hilft ihm da und dort mit kleinen Gefälligkeiten. Er findet sie nett und hilfsbereit, will aber offensichtlich nicht "mehr". Sie jedoch will zu ihrem Ziel kommen - die Liebesbeziehung. Also steigert sie ihre "Gefälligkeiten", bis sie ihn soweit "hat", dass er mit ihr intim wird. Nun meint sie, dass auch er sie "liebt" und ist tief enttäuscht als diese Beziehung wieder zerbricht. Wenn Gefälligkeit zur Manipulation wird, schadet sich der Manipulierende früher oder später selbst.

Opfer oder Täter?

Beides. Mit den vier Manipulations -Typen in unserer Gesellschaft vermischen sich Täter und Opfer. Hat die eine Manipulation gerade etwas Erfolg, kann sie ihn schon kurz darauf wieder verlieren. Der Aktive kann nicht nur beim Passiven in der Konfrontation das Nachsehen haben, sondern auch beim Besserwisser. Und umgekehrt! Oder: Der Gefällige und der Passive sind sich so ähnlich in ihrer Manipulation, dass keiner kurzfristig zu seinem Ziel kommt. In der Folge fühlt sich der Manipulator oft als Opfer und ist eigentlich "nur" ein erfolgloser Täter.

Opfer und Täter!

Hoch her geht es, wenn zwei gleichstarke Manipulatoren aufeinander treffen. Nehmen wir das biblische Beispiel von Jakob und Laban, seinem Schwiegervater, im Buch Genesis Kapitel 29 bis 31. Der "Betrüger" Jakob musste 20 Jahre lang (31,38) unter dem "Betrüger" Laban (31,7) hart arbeiten und konnte nur mit List zu seinem gerechten Lohn kommen. Er wusste um den Geiz Labans und manipulierte ihn bei der Lohnverhandlung (30,33-36) zu seinen Gunsten. In dieser Geschichte sehen wir, dass sich List und Manipulation nur schwer als "Betrug" definieren lassen. Vor einer Beurteilung muss zuerst der ganze Zusammenhang ersichtlich sein.

Auch ich musste öfter in meinem Leben einem mir ähnlichen Manipulator begegnen, um mich selbst als "Hans-Dampf-in allen-Manipulationsgassen" zu entdecken. Ich erschrak sehr. Und suchte von da an meine mir bewussten manipulatorischen "Kunstgriffe" in den Griff zu bekommen.

Ich muss da raus!

Wenn man sich als Manipulator "entdeckt" hat und dazu weiterhin als einigermassen echter Christ leben will - und das will ich - gibt es nur noch einen Wunsch: Raus aus der Manipulation! Sie ist eine Falle der Werte. 

Der an Jesus Christus gläubige Mensch mag "nach aussen" hin die gleichen Werte wie ein rein sekular lebender Mitbürger haben, jedoch "nach innen" besitzen sie für ihn eine andere Wertung. Für mich - als gläubigem Christen - sollen Erfolg, Reichtum, Status und Kraft mit Segen von Gott  kommen und nicht mit Anstrengung allein - und sicher nicht mit Manipulation. Gott verschenkt Werte. Und Werte zeigen sich wiederum als Haltung, als Lebensstil, besonders in gesellschaftlich relevanten Zielen.

Wie komme ich raus?

Ich dachte mir: Die bewusste Manipulation verlasse ich am besten dort, wo ich bewusst anfing, sie zu praktizieren. Denn das tat ich, als ich mehr von den Werten haben wollte, als ich in meinen Lebensumständen fand und die - eigentlich - Gott mir jeweils schenkte. Gott gab guten Erfolg. Ich wollte aber mehr. Gott gab gewissen Reichtum. Ich wollte aber mehr. Gott gab genug an Status. Ich wollte aber mehr. Also manipulierte ich mir das "Mehr" davon: Mit aktiver, passiver, gefälliger und am meisten besserwisserischer Manipulation. 
Das ist nun vorbei.

Heute will ich nicht mehr "Mehr" haben, als mir von Gott jeweils geschenkt wird. Also kann ich getrost aufhören, es mir zu "ermanipulieren".

Manipulationsfrei leben?

Gerne. Aber ein Leben, ganz frei von Manipulation, gibt es meiner Meinung nach nicht. Sie bedrängt uns von allen Seiten. 
Wir können jedoch für uns selbst das Hauptproblem lösen: Nämlich unseren Mangel an Anerkennung und Liebe zuerst von Gott ausfüllen zu lassen...so voll, wie es unser Glaube an ihn vermag!
(Und dazu braucht es keinen "grossen" Glauben). 

Für die Anerkennung reicht:
Ich glaube, dass ich perfekt bin, so wie er mich so schuf.

Für die Liebe reicht:
Ich glaube, dass er ein Gott der Liebe ist, nur aus Liebe besteht und dass es somit auch für mich "reicht". Ihn muss ich sicher nicht für "mehr Liebe" überzeugen!
Was die Anerkennung und Liebe von Menschen angeht: die will ich so annehmen, wie sie mir zuteil wird.

Adieu, gezielte und verdeckte Einflussnahme. Adieu, Manipulation.