Urtextperle TELOS - Ende, Ziel

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TELOS ist ein griechisches Wort, das im Neuen Testament oft vorkommt. Es wird meistens mit "Ende" übersetzt, aber meines Wissens nie mit "Ziel". Ist "Ziel" falsch? Das Langenscheidt Lexikon macht eine Bedeutungs-Rundschau: "Ende, Grenze, Schluss, Ausgang, das Letzte, Lebensende, Termin, Zweck, Ziel." Also, es stimmt: TELOS liegt zwischen der ersten Bedeutung "Ende" und der finalen Bedeutung "Ziel".

Neben dem Wort TELOS finden wir im Neuen Testament oft das dazugehörige Adjektiv TELEIOS. Es wird fast immer mit "vollkommen" übersetzt. Schade. Denn so "verliert" auch das Hauptwort TELOS seine Grundbedeutung "Ende, Ziel" und "driftet" mit seinem Adjektiv zusammen in die Bedeutung "Vollkommenheit".

Beispiel: Matthäus Evangelium 5,48. Dort steht: "Darum sollt ihr vollkommen (TELEIOS) sein, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen (TELEIOS) ist." Heisst das wirklich "so vollkommen" wie Gott-Vater zu sein - wenn ja, dann: Wie sollte ich DAS erreichen können?" Und dennoch scheint uns Jesus dazu aufzufordern (eine besonders beunruhigende Aussage für gläubige Perfektionisten)! Zum Glück bietet sich folgende Lösung an: Wenn wir TELEIOS mit "ZIEL-ausgerichtet auf die Vollkommenheit" des himmlischen Vaters übersetzen, dann, denke ich, kann das gut verstanden und ausgelebt werden.

Das Wort TELOS hat viele griechische Wortverbindungen im Neuen Testament. Aufschlussreich zum besseren Verständnis der Zusammenhänge zu "Ende, Ziel" sind besonders folgende zwei Begriffe:
TELEUTÄ - Ende des Lebens, Tod (Matthäus 2,15) und SYNTELEIA - Ende der Welt, Vollendung des Zeitalters (Matthäus 28,20). Die Luther - Übersetzung dieser wohl bekanntesten SYNTELEIA - Stelle heisst: "Ich bin bei euch alle Tage...bis an der Welt ENDE". Die Elberfelder Bibel ist schon genauer mit: "...Bis zur VOLLENDUNG des Zeitalters". Jedoch steckt im griechischen Wort SYNTELEIA eine Zusatzbotschaft: "...bis zur ZUSAMMEN - Vollendung des Zeitalters". Die SYNTELEIA bezeichnet nämlich eine Vollendung, die nicht "nur" auf ein Ende hinweist. Sondern auf ein ZIEL: Jesus begleitet und "zusammenvollendet" mit seiner Verheissung unser Zeitalter von allen Seiten und mit allen verflochtenen Aspekten des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens! (Zusätzliche Vorkommnisse von SYNTELEIA stehen in Matthäus 13, 39-40 / 13,49 / 24,3 und Hebräerbrief 9,26).

Einige Bibeln verlassen im 1.Thessalonicher Brief 5,23 fast völlig das Wortverständnis von TELOS als "Ende /Ziel". Dort steht z.B. in der Luther Übersetzung: "Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch..." oder in der Elberfelder Übersetzung: "Der Gott des Friedens heilige euch völlig...". Im Griechischen steht jedoch beim ersten "durch": HOLO-TELEIS. Das heisst nicht "durch" oder "völlig", sondern: "ganz auf das Ende/Ziel hin (ausgerichtet)..."
Der Textzusammenhang des ganzen Verses im 1.Thessalonicher 5,23 ergibt mit der genauen Übersetzung von HOLO-TELEIS mehr Sinn und Nähe zum Stammwort TELOS.

Mein Lieblingsausdruck in den TELOS - Wortverwandtschaften darf in dieser Kurzstudie nicht fehlen. Er heisst TELAUGOS und kommt nur einmal im Neuen Testament vor, im Markus-Evangelium 8,22-26. In Vers 25 lesen wir den Höhepunkt der in Stufen geschehenden Heilung eines Blinden, der anfangs alles verschwommen sieht ("Menschen wie Bäume") und zum Schluss "TELAUGOS" sieht, "scharf" sieht. Seine geheilten Augen - die äußeren sowie die inneren - erblicken nun ein fernes, glänzend helles Ziel...war es vielleicht ein Blick bis zur glanzvollen Zukunft des Reiches Gottes? "TELAUGOS"..."TEL" ist sichtlich verwandt mit TELOS und in "AUGOS" steckt nicht nur unser deutsches Wort "Auge", sondern das "Glänzen der Augen".