Den Verstand verstehen

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Einige Ausdrücke im NT benennen den menschlichen Verstand, das Verständnis, das Verstehen und das Denken und Sinnen. Diese Ausdrücke "verästeln" sich aus ihrer Wortwurzel und ihrem Stamm in viele Zusatzbedeutungen, in denen wir dann biblische, göttliche Grundgedanken besser mit unserem Verständnis verbinden können.
Ich versuche, dieser Thematik in den folgenden Überlegungen auf den Grund zu gehen und beschränke mich auf drei Begriffe:

Mit dem Begriff "PHRONEO - Verstand haben, denken, meinen, beurteilen" möchte ich anfangen. Im Römerbrief 12,3 kommt PHRONEO in intensiver und erweiterter Form vor:
"Denn ich sage zu allen unter euch durch die Gnade, die mir gegeben ist...nicht übermäßig (von sich) zu denken (HYPERPHRONEIN) als (man) denken soll (PHRONEIN). Sondern man soll es (PHRONEIN) mit gesundem Menschenverstand tun (SOOPHRONEIN) - so wie Gott jedermann das Mass des Glaubens zugeteilt hat".

Im 1.Korintherbrief 14, 14-15 und 19 will Paulus einen besonderen Gedanken für ein gewisses Verständnis des Zungenredens weitergeben und wechselt von "PHRONEO" in das Grund-Wort "NOUS"( Verstand, Denken, Überlegung). In den darauf folgenden Gedanken des 1.Korintherbriefs14, 20 wechselt Paulus jedoch wieder von "NOUS" zu einem anderen Begriff, zu "PHREN" - immer noch im Sinne des "Verstand - Habens, des Verständnisses"...und kommt damit wieder in die Wortgruppe, in der "Verständnis" mit dem Begriff "PHRONEO" verbunden ist. Den Verstand zu verstehen wird dem Bibelleser nicht gerade leicht gemacht!

Das sonderbare Verständnis durch das Zwerchfell

"Brüder, werdet nicht kleine Kinder in den Verstandes-Arten, sondern werdet unmündig im Schlechten, in den Verstandes-Arten jedoch werdet zielausgerichtet auf die Vollendung." Dies ist der Text aus 1.Korinther 14,20, den ich möglichst genau übersetzte. Hätte ich ihn noch genauer übersetzt, dann stünde anstatt "Verstandes-Arten" - "Zwerchfelle"! Das mutet kein Bibelübersetzer seinen Lesern zu - wohl zu Recht, denn auf den ersten Blick würde "Zwerchfell" beim Leser nicht als "Verstand" erkannt.

Selbst die sehr genaue Dabhar Übersetzung verzichtet darauf, das griechische Wort PHRESIN (von PHREN abgeleitet) im 1.Korinther 14, 20 mit "Zwerchfelle" zu übersetzen. Sie gebraucht das Wort "Ersinnungen" dafür: "Brüder, werdet nicht Spielende in den Ersinnungen ( in den Zielrichtungen des Denkens ) jedoch in der Übelhaftigkeit seid unmündig, aber in den Ersinnungen werdet Vollendungsgemässe." Der Kontext des Textes im 1.Korinther 14 weist ja (wie obenstehend schon erwähnt) auf die Handhabung des Sprachen- oder Zungenredens hin, das mit Verstand in der Gemeinde und privat gehandhabt werden soll. Wie gesagt gebrauchten die Autoren des Neuen Testamentes für "Verstand, Verständnis, Kein Verstehen" unterschiedliche Worte, die gerade in ihrer Besonderheit auf interessante Arten des Verstehens hinweisen. Und dabei weit über das deutsche Wort hinausgehen. Durch das Beispiel "PHRONEO" kamen wir zum Stammwort "PHREN", zu deutsch "Zwerchfell", das von Luther mit "Verständnis" übersetzt wurde.

Der Zwerchfell- Verstand

Meine bescheidenen medizinisch-anatomischen Kenntnisse habe ich mit Wikipedia etwas aufgebessert: Zwerch-fell bedeutet "Quer-Haut" im Altgermanischen. Es ist eine starke Muskelwand, die quer durch den Torso geht und den oberen und den unteren Teil des Körpers trennt. Die Hauptorgane im oberen Teil sind Herz und Lunge und im unteren alle Organe, die etwas mit Verdauung, Verarbeitung und Reproduktion zu tun haben. Diese Trenn-Muskel-Haut steht nach oben mit dem Brustfell in Verbindung und nach unten mit dem Bauchfell. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum das Zwerchfell in den meisten antiken Nennungen im Plural steht, also als "Zwerch-felle" - wie auch im 1. Korinther 14,20 Text.

Aber nun zurück zum Zwerchfell - Verstand, zum "Quer - Haut Verständnis", welches mich als biblischer Querdenker besonders reizt.

Durch den Text werden wir darauf hingewiesen, daß das Zwerchfell Überlegungen trennt, die einerseits mit kindlichem Vertrauen und Denkart und andererseits mit Lebensreife zu tun haben. Weder kann man immer mit Vernunft noch immer mit Emotionen verstehen und handeln. In jeder Lebenslage braucht es ein Verständnis im Handlungsspielraum - hier einmal wie ein Kind reagieren, dort einmal wie ein Gereifter.

In übel empfundenen Situationen kann zum Beispiel eine kindliche Reaktion des nicht - sofort - Verstehens einen Abstand schaffen, der eine Denkpause zur Reaktion verschafft. In Situationen, in der kompliziertere Zusammenhänge verstanden werden sollen, erwartet man jedoch schneller eine Antwort aufgrund reifer, vorangegangener Überlegungen. Jedoch - wo wird nun das kindliche und das reife Verständnis angesiedelt in der biblischen Symbolik? Reife im oberen, Kindliches im unteren Teil des Körpers? Das würde sich auf den ersten Blick anbieten. Aber wird nicht in den unteren Organen des Körpers das Aufgenommene verarbeitet und getrennt? Entscheiden oft nicht die Emotionen, die den biblischen Sitz im Magen-Darmtrakt haben mehr als das oben im Kopf angesiedelte Denkvermögen?

Das Zwerchfell steuert nicht nur das Atmen. Sondern auch das Verständnis der momentanen Entscheidung. Durchatmen beim Denken, Durchatmen beim Erfühlen, dann angemessen reagieren.

Wie erwähnt steht der 1.Korinther 14, 20 Text im Zusammenhang der Problematik des Zungenredens, der Glossolalie. Paulus erklärt im gesamten 14.Kapitel ausführlich, wie sie praktiziert werden soll. Öffentlich und privat. Was sie bedeutet und was sie nicht bedeutet. Der kindliche und der reife Aspekt darin. Beide haben ihren Platz. Aber das Wann, Wo, Wie und mit wem - dazu braucht es offenbar den "Zwerchfell - Verstand".

Die Vernunft verstehen

Vernünftig Handeln kommt auch aus dem "Zwerchfell-Verstand...der Wortstamm zu PHREN ist sehr breit. Viele Texte weisen auf Verständnis im Sinne von Klugheit und Vernunft hin. Nehmen wir PHRONIMOS (klug, vernünftig) als nächstes Beispiel aus einem Gleichnis von Jesus: Der kluge Mann, der sein Haus auf Felsengrund baute... (Matthäus 7,24). Oder die bekannte Geschichte der klugen (PHRONIMOI) und törichten Jungfrauen im Matthäus 25.

Der Wortstamm PHREN zeigt weitere sprachliche Unterscheidungen. Zum Beispiel zwischen PHRONÄSIS, dem "laufend sich erneuerndem", vernunftsmässigen Verstand und PHRONÄMA, dem "abgeschlossenen" vernunftsmässigem Verständnis. Im Lukas 1,17 lesen wir, dass der sich verändernde Verstand (PHRONÄSIS) der Gerechten dem Herrn ein Volk zubereitet. Das erfordert Bewegung im Denkprozess. Dagegen handelt es sich im Römerbrief 8, 6-7 und 27 um einen "PHRONÄMA - Verstand", der uns als abgeschlossene Gesinnung des Geistes Leben und Friede vermittelt. Und dazu Sicherheit in der Tiefe des vernunftmässig erfassten Glaubens - Verständnisses.

Der Denksinn zum Herzensverständnis

Ein weiterer grosser Wortstamm zu Verstand, Denken und Überlegungen zeigt sich im Grundwort "NOUS", das wir schon im Zusammenhang mit dem 1.Korinther 14 Text erwähnten. Die bekanntesten Ableitungen zu dem griechischen NOUS wären wohl "DIANOIA" (Durchdenken) und mehr noch "METANOIA, METANOEO", das früher in unseren Bibeln nur mit "Busse" und "Busse tun" übersetzt wurde. Dieser Ausdruck entwickelte sich zu einem mehrheitlich kirchlichen Begriff, den man heute zeitgemässer "Umsinnen, Umdenken" nennt. Intensiver als mit "METANOIA" möchte ich mich nun mit "DIANOIA" beschäftigen. Dieses Wort bezeichnet einerseits ein "Durchdenken" und andererseits ein gewisses Verständnis - einen besonderen, von Gott geschenkten "Denksinn". Am Ende des 1.Johannesbriefes (5,20) schreibt der Apostel: "Wir wissen jedoch, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn, ein Verständnis ( DIANOIA), gegeben hat, um den Wahrhaftigen zu erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen."

Die richtige Jesus-Beziehung kann man nur mit dem Herzen erkennen, mit einem Herzen, das "wahrhaftig" denkt. Vielleicht lässt sich der Sohn Gottes sogar am besten darin erkennen, worin man ihn mit intensivem Durchdenken (mit der DIANOIA) gesucht hat?

Durchdenken im Liebesgebot

Der Evangelist Markus ( 12, 28 - 34 ) berichtet von einem für mich sehr aufschlussreichen Gespräch zwischen einem Schriftgelehrten und Jesus. Es geht um die Wichtigkeit der Gebote. Und welches das "Grösste" von allen wäre. Jesus muss nicht lange überlegen und zitiert aus dem 5.Buch Moses 6,4 den bekannten Text: " Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein EIN Herr und du wirst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Durchdenken und aus deiner ganzen Kraft. Und das zweite ist: "du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer denn diese". Bevor ich den Wortlaut der Geschichte weiter zitiere, möchte ich zuerst darauf aufmerksam machen, dass Jesus dem 1.Mose 6,4 Zitat etwas hinzufügt, das nicht im hebräischen Grundtext steht. "Und aus deinem ganzen Durchdenken (DIANOIA )" ist seine Ergänzung. Müsste ihn nicht ausgerechnet der kundige Schriftgelehrte darauf ansprechen? Zumal im 5.Buches Moses vor jedem Weglassen oder Hinzufügen sogar gewarnt wird? Der Schriftgelehrte tut es nicht, sondern er reduziert den von Jesus mit DIANOIA auf vier Aussagen erweiterten Text wieder auf drei Aussagen. Im originalen Text aus 1.Mose 6,4 werden nur Herz , Seele und Kraft angesprochen. Der Schriftgelehrte findet offenbar die Ergänzung des Gott "aus ganzem Durchdenken (DIANOIA )" zu lieben so ansprechend, dass er in seiner Antwort an Jesus "Seele" weglässt und sie mit "Verstehen-wollen" (SYNIÄMI ) ersetzt. SYNIÄMI ist ein Ergebnis von DIANOIA - Durchdenken. Somit kommt er einerseits wieder auf drei Aussagen und andererseits kann er damit das Gesagte von Jesus bejahend stehenlassen. (Ich gehe im folgenden Abschnitt auf das SYNIÄMI genauer ein).
Aus diesem Text im Markus- Evangelium habe ich vor einigen Jahren zwei meinen Glauben prägende Erkenntnisse gewonnen.

Die erste: ich darf Gott LIEBEN mit meinem DENKEN! Und je mehr mich meine DIANOIA, mein Durchdenken durchdringt, desto tiefer dringe ich in sein WORT ein und desto mehr darf ich damit meine Liebe zu ihm erleben. Das wurde mir als junger Christ anders vermittelt: ein guter Christ GLAUBT. Denken war eher unerwünscht, weil es Fragen aufwirft. Und Fragen können eine Gemeinschaft verunsichern, ja trennen. Dass ohne Fragen und Forschen ein Christ unmündig bleibt, wurde entweder nicht bemerkt oder unbewusst sogar gefördert. Mit Denken Gott zu lieben, befreite mich.

Die zweite bahnbrechende Erkenntnis war für mich, dass das grösste Gebot (sowie alle folgenden Gebote) nicht mit dem Imperativ "du sollst", sondern mit "du wirst" zu übersetzen sind! Also "werde ich Gott lieben und meinen Nächsten wie mich selbst". Selbst wenn ich heute die Gebote nicht nach meinem Wunsch erfüllen kann - und wann kann ich das schon - selbst dann WERDE ich es irgendwann erleben können. Welch' eine Hoffnung, welch' ein Erwartungsgut!

Das Verstehen-wollen

Die anfangs erwähnte dritte Art des Verstehens weist uns zum Wort SYNIÄMI hin. Allein im Matthäus Evangelium Kapitel 13 kommt sechsmal SYNIÄMI vor: in den Versen 13/14/15/19/23 und 51. Im Kapitel 13,13 - 16 erwähnt Jesus zum ersten Mal SYNIÄMI - und macht dabei mit dem Jesaja Zitat auch sofort klar, um welche Art "verstehen" es geht...denn im Vers 15 gegen Ende heisst es : "...und sie mit dem Herzen (dem Innersten des Menschen) verstehen". Wie geschieht dies? Ab Kapitel 13, 19 erklärt es uns Jesus in seinem Gleichnis vom Sämann: Bei allen, die das Wort vom Königreich nicht verstehen, kommt der Böse und raubt das ins Herz gesäte Wort. Als junger Christ hatte ich Probleme mit dieser Aussage. Wie sollte ein Hörender ein Wort bewahren können, wenn er es nicht "versteht"? Kommt einem selbst das Einfachste dann nicht "spanisch" vor? Als ich dann das neutestamentliche Griechisch lernte, erklärte mir E. Kägi, mein Dozent, das SYNIÄMI - Verstehen. Er sagte, SYNIÄMI bedeutet eigentlich "zusammen-lassen/ zusammen-bringen". Wenn eine Aussage, und besonders eine biblische Aussage, in mein Denken eintritt, dann geschieht eine Art Gegenüberstellung. Das Wort Gottes, die göttliche Aussage, kommt zu meinem gespeicherten Wissen, Verständnis und meiner Meinung hinzu und löst einen Austausch und ein Abgleichen aus. Nun wird ziemlich bald im Gehirn (dem "Herz") klar, ob einem das neu aufgenommene Wort "schmeckt" oder nicht. Passt es nicht in mein Denkschema hinein und will ich es nicht darin integrieren, um Neues daraus werden zu lassen, dann wird es mir bald wieder weggenommen. Es kann keine Wurzeln bilden. Also ist SYNIÄMI mehr ein Nicht-verstehen-wollen als ein Nicht-verstehen-können.

PHRONEO, NOUS, SYNIÄMI, drei Wege zum Verstehen

Ich hoffe, dass ich mit der Auswahl dieser drei neutestamentlichen Begriffe die Wege des biblischen Verstehens erläutern konnte. Es dürfte jedoch auch klar sein, dass ohne den Geist Gottes kein geistliches Verständnis geistlicher Wahrheiten möglich ist. Ich empfehle dem Leser die Lektüre des 2.Kapitels aus dem 1.Brief an die Korinther. Ich lese diesen Text immer wieder einmal zu meinem grundsätzlichen Verständnis.